Schwarz-Rot-Gold und die EM "Normal", für die Deutschen zu sein

Wer schon mal mit jungen Deutschen über ihr Deutschsein geredet hat, also mit denen, die sich heute schwarz-rot-gold anmalen, der hört etwas anderes. Da ist dann, ganz banal, von einem guten Gefühl die Rede. Davon, dass man zu denen, die da auf der Leinwand rumflitzen, und denen, die neben einem zittern und jubeln, irgendwie, ja: gehört. Oder: dass das doch "normal" sei. Also das Für-die-Deutschen-Sein. Weil man selbst deutsch ist. Keine Exportrekorde. Keine angebliche Bewunderung aus dem Ausland. Nur so ein Gefühl: Das sind meine, und ich bin einer von ihnen.

Zeitgenössischer Stich vom Zug der Demonstranten im Mai 1832 zum Hambacher Schloß. Dort fand damals die erste deutsche demokratisch-republikanische Massenversammlung statt, die als "Hambacher Fest" in die Geschichte einging. Die Teilnehmer schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen.

(Foto: dpa)

Auch die Nationalfarben werden von den meisten Deutschen eher gefühlsmäßig ins Gesicht gepinselt oder an die Autoscheibe gepatscht. Wer kennt schon noch deren Herkunft? Die paar Deppen im Stadion in der Ukraine, die ihre Gastgeber mit dumpfen "Sieg"-Rufen kränken, vermutlich nicht. Genauso wenig der antideutsche Kleinverleger, der sich mit dem Fähnchen die Nase putzt.

Schwarz-Rot-Gold. Das ist eben nicht das Symbol für teutonische Großmannssucht. Wenn der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels über die Weimarer Trikolore sprach, dann machte er daraus ein verächtliches "Schwarz-Rot-Gelb". Aus seiner Sicht war das nur konsequent.

Das nervös beäugte Wir-Gefühl ist normal geworden

Die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold ist das Symbol für die liberalen und aufgeklärten Gentlemenrebellen aus der Paulskirche von 1848. Sie steht für die Uniformen des aus allen Landsmannschaften wild zusammengewürfelten Lützowschen Freikorps - des wahren Vorläufers einer bunten Republik. All das wissen die wenigsten, die heute jubeln. Sie tragen ihre Farben einfach so: mit einem irgendwie guten Gefühl. Und warum auch nicht?

Das 2006 bei der WM noch so nervös beäugte Wir-Gefühl der Deutschen ist von alleine normal geworden. Stinknormal, schimpfen die stramm Rechten, denen dieser "Party-Patriotismus" zuwider ist. Viel zu normal, schimpfen die ängstlichen Linken.

Und dazwischen, ganz entspannt, feiern Millionen Deutsche. Sie werden sich auch an diesem Donnerstag wieder anmalen. Sie werden singen und bangen, saufen und brüllen, und vielleicht prügeln sich auch ein paar. Aber sie werden ganz sicher nirgendwo einmarschieren. Außer ins Finale.