Schwarz-Rot-Gold und die EM Über das Wir-Gefühl der Deutschen

Schwarz-Rot-Gold steht nicht für teutonische Großmannssucht. Die Farbkombination ist Symbol für liberale Gentlemenrebellen aus der Paulskirche von 1848. Die demokratische Weimarer Republik übernahm die Trikolore, die Nazis verachteten Schwarz-Rot-Gold. All das wissen die wenigsten Deutschen, die nun während Fußball-Turnieren jubeln. Sie tragen ihre Farben einfach so: mit einem irgendwie guten Gefühl. Und warum auch nicht?

Ein Kommentar von Marc Felix Serrao

Wer Deutschland mag, wer sich womöglich gar als Patriot versteht, hat es nicht leicht in diesen Tagen. Das liegt auch an den Deutschen selbst - und nicht nur an denen, für die ein Wort wie Heimatliebe bis heute bäh ist.

"Patriotismus? Nein danke!", verkündete die Grüne Jugend pünktlich zum Start der Fußball-EM. Im schönsten Neusprech hieß es, eine Trennung zwischen "guten PatriotInnen und schmuddeligen NationalistInnen" sei unmöglich. Kurz darauf stellte sich ein Kleinverleger aus der Hauptstadt mit Pickelhaube ins Fernsehen und schnäuzte in ein schwarz-rot-goldenes Taschentuch. Beides, den Appell im Netz und den Rotz im Fähnchen, muss man nicht ernst nehmen.

Der Selbsthass gehört ebenso zu diesem Land wie schmerzhafte Dialekte und qualvolle Debatten darüber, ob und wie locker man sich machen darf. Und dieser Selbsthass wird spätestens seit der WM 2006 im eigenen Land zu jedem Sportgroßereignis wieder hervorgepopelt.

Mindestens so anstrengend wie die Hasser sind aber auch die Mutigen. Also diejenigen, die sich ebenfalls pünktlich zum Fußball, und dann aber ganz besonders gerne, an ihr Deutschsein erinnern - und so tun, als wäre ihr öffentlich bekundeter Stolz eine irgendwie kontroverse Sache.

Die CDU im hessischen Landtag etwa. Unter dem Titel "Hessen fiebert bei der EM: Patriotismus und Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft schließen sich nicht aus", hat sie für diesen Donnerstag allen Ernstes eine Aktuelle Stunde beantragt.

Darin will sie nach Angaben ihres Parlamentarischen Geschäftsführers Holger Bellino über all jene Dinge reden, die ihrer Meinung nach dafür sprechen, dass man auf dieses Land stolz sein darf: "Deutschland erfährt aus aller Welt Bewunderung für seine Errungenschaften, sei es in Wirtschaft, Kultur, im sozialen oder politischen Bereich. Wir sind erfolgreiches Exportland, die deutsche Innovationskraft ist weltberühmt und unsere Nationalmannschaft ein Beispiel für gelungene Integration." Und so weiter.

Ausgelutschte Sprechblasen aus dem Parteibaukasten

Man weiß nicht, was trauriger ist an solchen Bekenntnissen. Die ausgelutschten Sprechblasen aus dem Parteibaukasten oder das freche "Wir", zu dem man, wenn Herr Bellino auch dabei ist, lieber nicht gehören möchte.

Warum malen sich so viele, vor allem junge Menschen die deutsche Fahne auf die Wangen? Warum singen sie, die sich mitunter mäßig bis gar nicht für Politik interessieren, beim Public Viewing mit, sobald die Hymne kommt (einige stehen dafür sogar auf)? Weil unser innovatives Exportland "so viel erreicht" hat? Weil wir alle kleine Ingenieure sind, die nachts im Keller am nächsten Hybridmotor basteln? Oder weil inzwischen so viele exotische Namen unsere Nationalmannschaft schmücken? Ernsthaft? Sitzt irgendjemand zu Hause und denkt: Ja, der Özil, das ist schon ein tüchtig Integrierter, und erst die neuen Absatzzahlen von BMW... da geh ich jetzt lieber mal mein Trikot anziehen?