Schwarz-Gelb und die Pflege "Wir verschwenden Milliarden"

Union und FDP wollen mehr Eigenanteil in der Pflegeversicherung. Für Pflege-Kritiker Claus Fussek nur die bittere Konsequenz eines Systems, in dem die "Pflegemafia" regiert.

Interview: Thorsten Denkler

Claus Fussek gilt als Deutschlands Pflege-Papst. Der Münchner Sozialpädagoge engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für pflegebedürftige Menschen. Sein mit dem ARD-Journalisten Gottlob Schober verfasstes Buch "Im Netz der Pflegemafia" (2007) ist heute das Standardwerk der Pflegekritiker.

sueddeutsche.de: Herr Fussek, die kommende schwarz-gelbe Regierung will offenbar den Anteil der Arbeitnehmer an den Kosten der Pflegeversicherung erhöhen. Ist das die Rettung der Pflegeversicherung?

Claus Fussek: Natürlich nicht. Wir verschwenden Milliarden in der Pflege und die einzige Reaktion ist: Wo holen wir noch mehr Geld her, um es in ein marodes System hineinzugeben.

sueddeutsche.de: Was ist am System so marode?

Fussek: Es ist vollkommen intransparent. Niemand weiß, was mit dem Geld genau geschieht, dass er Monat für Monat an die Pflegeversicherung abführt. Da wird mit Milliarden jongliert und niemand begreift das Spiel. Das System ist so gebaut, dass in weiten Teilen nicht mal eine Grundversorgung gewährleistet werden kann. Es krankt daran, dass zu viele zu viel Geld darin verdienen können. Und zwar damit, dass es den Pflegefällen möglichst schlecht geht.

sueddeutsche.de: Wie funktioniert das?

Fussek: Ich gebe Ihnen ein Beispiel, von dem mir kürzlich erst ein Notarzt berichtete. Er kam zu einer ausgetrockneten Frau in ein Pflegeheim. Die Frau hat offenbar nichts zu trinken bekommen weil zu wenig Pflegkräfte da sind. Er legt ihr eine Infusion und hätte dann jemanden gebraucht, der zwei Stunden darauf achtet, dass die Infusion auch durchläuft. Es fand sich niemand.

sueddeutsche.de: Und dann?

Fussek: Der Arzt lässt die Frau ins Krankenhaus bringen. Das kostet hin und zurück 1000 Euro. Die Frau wurde drei Tage durchgecheckt, um eine Diagnose stellen zu können. Da geht es wieder um Tausende Euro. Ein Irrsinn, wenn man dagegenhält, was eine Pflegefachkraft gekostet hätte, die sich zwei Stunden zu der Frau gesetzt hätte.

sueddeutsche.de: Die wäre aus einem anderen Topf bezahlt worden.

Fussek: Genau das ist das Problem. Es ist unverantwortlich, Krankenkasse und Pflegeversicherung zu trennen. Beides gehört zusammen. Prävention, akute Versorgung, Nachsorge und Pflege - das gehört alles in eine Hand.

sueddeutsche.de: Und damit sind die Probleme gelöst?

Fussek: Nein. Was viele nicht begreifen wollen: Pflege ist eine nationale Aufgabe. Sie geht uns alle an. Es geht um unsere Eltern, unsere Großeltern und irgendwann um uns selbst. Darum brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Pflege.

sueddeutsche.de: Wie soll der aussehen?

Fussek: Wenn jetzt die Pflegeversicherung zum Teil aus der solidarischen Finanzierung heraus soll, dann überrascht mich das zunächst nicht. Das ist nur die logische Konsequenz daraus, dass die Pflege in den Augen vieler einfach ein Milliardengeschäft ist. Wir haben das Produkt Pflege den Gesetzen des Marktes unterworfen. Gehen Sie mal auf eine Pflegemesse. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt hat mal gesagt, er habe sich dort wie auf der Cebit gefühlt. In der Pflege gibt es börsennotierte Unternehmen. Da dürfen nicht nur Gewinne gemacht werden. Da darf auch Rendite gemacht werden. Davon müssen wir weg.

sueddeutsche.de: Dennoch wird die Pflege immer teurer. Immer mehr Menschen werden künftig auf Pflege angewiesen sein. Wo soll das Geld herkommen?

Fussek: Mit dem gegenwärtigen System schaffen wir unzählige vermeidbare neue Pflegefälle. Ein ganze Industrie lebt von den Folgen schlechter Pflege. Würden wir mehr Geld ausgeben für mehr und bessere Pflegekräfte, wir würden Milliarden sparen. Es müssten weniger Pflegebedürftige wegen Unterversorgung ins Krankenhaus und es müssten weniger Medikamente verschrieben werden. Es ist immer günstiger, einen Menschen einfach nur gut zu pflegen. Aber daran hat die Pflegemafia kein Interesse.

sueddeutsche.de: Was macht die Politik dagegen?

Fussek: Nichts. Das meine ich nicht parteipolitisch. Ich nehme da keinen aus. Wir wissen seit Jahren, was los ist in der Pflege. Die Politik hat nichts dagegen gemacht. Ich mache da übrigens nicht nur den Politikern einen Vorwurf.

sueddeutsche.de: Wem denn noch?

Fussek: Der ganzen Gesellschaft. Die Menschen regen sich doch mehr über das Glühbirnenverbot oder über einen Thilo Sarrazin auf, als über die Zustände in der Pflege. Da geht es um ihr eigenes Schicksal. Es herrscht aber eine kollektive Verdrängung. Man hofft, nicht betroffen zu sein. Dabei will niemand später in einem Pflegeheim landen. Stattdessen wird das Land zubetoniert mit großen Pflegeeinrichtungen. Das Geld wäre besser investiert in der häuslichen Pflege. Die Menschen aber fordern keine Veränderungen ein.