Antijudaismus So wurden Juden im Westen seit jeher gehasst

Anderl von Rinn In Tirol begründete ein frei erfundener Ritualmord von Juden an einem Christenkind die Verehrung des "Anderl von Rinn". Die katholische Kirche lies diese Figurengruppe in den 1960er Jahren entfernen, doch den Kult gibt es immer noch.

(Foto: Oliver Das Gupta)

US-Historiker David Nirenberg belegt, wie Juden seit 2000 Jahren in ganz Europa diskriminiert und verfolgt wurden. Gibt es eine westliche Tradition des Antijudaismus?

Buchrezension von Stephan Speicher

Am 14. Juli 1790, dem ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, beging die südfranzösische Stadt Saint-Ginest das "Föderationsfest". Der Pater Antoine-Pascal-Hyacinthe Sermet hielt eine Predigt und gab seiner Genugtuung über die Revolution Ausdruck. Dazu zitierte er aus dem Galaterbrief des Apostel Paulus: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!"

Und Sermet erklärte, dass die Knechtschaft, von der Paulus sprach, das Judentum und sein Gesetz sei, die Freiheit aber der christliche Glaube. Und so verhalte es sich politisch: Die Monarchie gleiche dem überwundenen Judentum und seiner Knechtschaft, die revolutionäre Erneuerung aber dem Christentum als dem Glauben der Freiheit.

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Interessant ist, wie selbstverständlich die Revolution kirchengeschichtlich gedeutet wird. Und mehr noch: Wie selbstverständlich das schlechte Überwundene der Politik, der alte Staat, mit dem schlechten Überwundenen im Glauben, dem Judentum, parallelisiert wird.

Das ist die Denkfigur, der David Nirenberg, Historiker an der Universität Chicago, in seinem Buch "Antijudaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens" nachgeht. (Der Untertitel des Originals lautet noch etwas entschlossener "The Western Tradition").

Christen als wahres Israel

Nirenberg hat nicht etwa eine Geschichte des Antisemitismus geschrieben, auch wenn der Antijudaismus dort mündet. Er geht einem Denken nach, das die moralisch-geschichtliche Welt zweiteilt, und die schlechtere Hälfte mit der jüdischen Tradition assoziiert.

Ausgangspunkt sind die Paulusbriefe wie der bereits zitierte an die Galater und vor allem der berühmte Satz aus dem 2. Korintherbrief: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig". Als "Buchstabe" wird das Gesetz, das Mose den Juden brachte, verstanden, als "Geist" aber der Christusglaube. Dieses gedankliche Muster sieht Nirenberg die Ideengeschichte des Westens durchziehen.

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Zwar ist die hebräische Bibel als das Alte Testament auch für die Christen in Geltung. Doch das Problem, das darin liegt, lösen diese, indem sie sich zum wahren Israel erklären. Dabei stützen sie sich auf die Prophetenbücher. Die Propheten hatten das Israel ihrer Zeit als sündhaft und götzendienerisch getadelt, das erst machte die prophetische Mahnung nötig.

Die jüdische Selbstkritik, die sich hier aussprach, wird von den Christen nun gegen die Juden gewendet. Wichtiger aber noch ist für Nirenberg die Generalisierung des Unterschieds von Buchstabe und Geist. Das erste ist die oberflächliche, das zweite die eindringende Aneignung der Wahrheit.

Ein schlagendes Beispiel gibt der Kirchenvater Ambrosius von Mailand. Im mesopotamischen Kallinikum hatten Mönche im Jahre 338 eine Synagoge angezündet. Der regionale Militärbefehlshaber hatte die Bestrafung der Täter angeordnet und dem Ortsbischof auferlegt, die Wiederherstellung der Synagoge zu bezahlen. Ambrosius hörte davon und widersprach: In solchem Falle nach den bekannten Regeln zu handeln, sei ein Bestehen auf dem Buchstaben des Gesetzes, sei judaisieren.

Der örtliche Befehlshaber wie der Kaiser waren keineswegs Juden, hatten sich aber nach Meinung des Ambrosius wie solche benommen. Und das ist es, was den Antijudaismus in der Untersuchung Nirenbergs auszeichnet: Die Verwendung der Kategorie "jüdisch" auch für nichtjüdische Personen und Zusammenhänge: als Markierung einer moralisch oder intellektuell verkehrten Haltung.

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So hat Luther das Papsttum angegriffen - dass er das Judentum nur aus der Bibel kannte und mit Juden persönlich kaum je zusammengetroffen ist, passt ins Bild. Die politische Philosophie der frühen Neuzeit argumentierte stark mit dem Beispiel des Volkes Israel, wie das Alte Testament davon berichtet.

Eingrenzung der Propheten

An diesem Fall war das rechte Verhältnis von Staat und Kirche zu bestimmen. Dabei ging es darum, die Autorität der jüdischen Propheten, die sich gegen die weltlichen Machthaber stellten, einzugrenzen; nach den Erfahrungen der Religionskriege war neuem Unfrieden aus religiösen Ansprüchen auf diese Weise vorzubeugen.

Die Argumentation musste nicht mit einer Abwertung des Judentums einhergehen (bei Spinoza war es so, bei Hobbes ist es umstritten), aber es wurden Grundlagen des politischen Denkens doch "auf Israel errichtet".

Und auch bei Marx ("Zur Judenfrage") sieht Nirenberg dieses Motiv: Geld, so Marx, sei der Gott des Judentum, aber auch der Gott jedes Menschen. Judentum wird hier zu einer Kategorie der Weltdeutung, am "Jüdischen" soll erklärt werden, was mit den Spezifika jüdischer Existenz nichts zu tun hat.

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Im 19. Jahrhundert werden Juden und Griechen nebeneinandergestellt. Auch Heinrich Heine benutzte dieses Motiv. Den Juden ordnet er das Abstrakte, Außerweltliche zu, den Griechen die Freude an der Schönheit der Welt; in einer Synthese dieser Elemente liege "die Aufgabe der ganzen europäischen Civilisation".

Von solcher Synthese träumten auch andere (der "Ulysses" James Joyce' macht sich darüber lustig), und es ist einer der ergreifendsten Momente des Nirenbergschen Werkes, in solcher Synthese das Unrecht aufzudecken: "Eine Seite der fundamentalen Gegensätze (...) ist stigmatisierter als die andere. Nur eine soll ganz überwunden werden, nur eine hat lebende Vertreter, deren Weigerung zu verschwinden die triumphale Ansprüche der Synthese infrage zu stellen scheint."