Russlands Rolle im Konflikt Putin zerstört die Ukraine - weil er es kann

Ein wesentlicher Teil von Wladimir Putins politischem Erbe wird sein: Worte bedeuten nichts

(Foto: REUTERS)

Es sind viele Erklärungen vorgebracht worden, warum Russlands Präsident in der Ukraine das tut, was er tut. Doch sie alle greifen nicht. Die richtige ist wohl: Er reißt den Osten an sich, weil er die Gelegenheit dazu hat.

Kommentar von Tim Neshitov

Die russische Invasion in der Ukraine dürfte eine Wende in der Putinologie einleiten. Man kann das Verhalten von Wladimir Wladimirowitsch Putin nicht mehr anhand der wenigen abgegriffenen Kaninchen erklären, die sonst aus dem Hut gezaubert werden.

Karnickel Nummer eins: die KGB-Vergangenheit. Sie erklärt die Bereitschaft zu lügen, die Rachsucht, das Poker-Gesicht. Karnickel Nummer zwei: die harte Kindheit in den Leningrader Hinterhöfen. Wer schlägt wem die Nase blutig, wer kuscht, wer senkt zuerst den Blick.

Putins Verhalten lässt sich nicht rational erklären

Karnickel Nummer drei: Putin ist ein einsamer Mensch mit eigentlich guten Absichten. Er krault seinen Hund, während all seine Gedanken und sein Herzblut dem Dienst an seinem eigentlich unregierbaren Vaterland gewidmet sind. Karnickel Nummer vier schließlich, ein neu hinzugekommenes: Putin im Banne faschistoider Verschwörungstheoretiker mit Eurasia-Phantasien.

Man muss zugeben: Nichts davon erklärt, wie es sein kann, dass Russland dabei ist, die Hälfte einer unabhängigen Republik an der EU-Grenze zu annektieren - während Putin und der Präsident dieser Republik, Petro Poroschenko, sich die Hände schütteln. Hielte Poroschenko Putin für einen hoffnungslosen Fall (und er kennt ihn nicht erst seit gestern), hätte er Putin in Minsk nicht die Hand gereicht.

Putins Erbe heißt: Worte bedeuten nichts

Andrej Illarionow, ehemals ein Berater Putins, sagt nun, Putin habe bereits Anfang 2008 gesagt, die Ukraine sei kein ernst zu nehmender Staat, acht Provinzen in der Ostukraine gehörten eigentlich Russland. Insofern sei Putin konsequent. Das Problem dabei: Es scheint absolut irrelevant zu sein, was Wladimir Putin sagt oder nicht sagt. Denn er hat auch mal gesagt, die Ukraine sei ein souveräner Staat.

Das wird ein wesentlicher Teil von Putins politischem Erbe sein - Worte bedeuten nichts. Nicht weil Politiker überall auf der Welt Zeugs erzählen, sondern weil das Heimatpublikum in seinen Reden gar keine Logik mehr sucht. Jede rhetorische Finte ist recht, solange wir Obamamerkel eins auswischen. Derartige Ergebenheit, die trunkene Verbundenheit von Volk und Herrscher, gibt es entweder im Zenit der Macht oder wenn es für beide, Volk und Herrscher, ernst wird. In Russland sind beide Fälle eingetreten. Das Volk verzichtet auf importierte Wurst, damit Putin auf seinem hohen, wackelnden Thron bleiben kann.

Die Ukraine war in Europa eine strategische Lücke

Ob Putin einem langfristigen Plan folgt oder auf Sicht fährt und nur mit Frontberichten vom Wirtschaftselend ablenken will, ist zweitrangig. Wie es zweitrangig ist, ob nun russische Soldaten, russische Söldner oder russische Freiwillige in ostukrainischen Städten einmarschieren. Den Menschen, deren Häuser zerstört werden, ist es einerlei, wie auch den Ostukrainern, die sich den Separatisten anschließen.

Die postsowjetische Ordnung Europas hatte eine strategische Lücke. Hatte man als Kremlchef Gas- und Ölvorkommen, Atomsprengköpfe und die Bevölkerung hinter sich, war es offenbar möglich, die Ostukraine an sich zu reißen. Putin hat diese Lücke gesehen.