Russland und der Ukraine-Krieg Flüchtlinge in Uniform

Russische Soldaten am Tag des Sieges auf dem Roten Platz in Moskau. Aufnahme von 2014

(Foto: AFP)
  • Russlands Militär hat wohl immer größere Schwierigkeiten, russische Soldaten zum Dienst in der Ukraine zu bewegen.
  • Medien berichten von mehreren Fällen, in denen Soldaten den Dienst verweigern.
Analyse von Julian Hans, Moskau

Trotz der Berichte des russischen Fernsehens über bedrohte Landsleute und trotz strenger Geheimhaltung der Opfer - bei dem Bemühen, gut ausgebildete Soldaten zu einem freiwilligen Einsatz in der Ukraine zu bewegen, stößt die russische Führung offenbar vermehrt auf Widerstand. Gegen mehrere Dutzend Soldaten werde ermittelt, weil sie lieber desertiert seien, als im Nachbarland zu kämpfen, berichtet die Internet-Zeitung gazeta.ru am Wochenende in einem mit zahlreichen Dokumenten und Zeugenaussagen belegten Artikel. Den Soldaten würden Vergehen nach Paragraf 337 und 338 des russischen Strafgesetzbuches vorgeworfen - "eigenmächtiges Entfernen von der Truppe" und "Fahnenflucht". Dafür drohen fünf beziehungsweise zehn Jahre Haft.

Bei den Beschuldigten handelt es sich um Angehörige einer Aufklärungsbrigade in Maikop im Süden Russlands, etwa 150 Kilometer von der Schwarzmeerküste entfernt. Von dort wurden sie auf den Truppenübungsplatz Kadamowskij im Gebiet Rostow kommandiert. Kadamowskij liegt etwa 80 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt auf halber Strecke zwischen Rostow am Don und dem von den Separatisten kontrollierten Grenzübergang Nowoschachtinsk.

Die Mutter eines Beschuldigten sagte der Zeitung, ihr Sohn habe sich am Telefon über die Zustände beklagt: "Sie mussten auf dem Boden schlafen, in den ersten Tagen bekamen sie ihr Essen von den Separatisten, die in der Nähe lagerten." Als sie dann "irgendein Dokument" unterzeichnen sollten, sei ihr Sohn auf eigene Faust zurück nach Maikop gefahren. Drei Mal habe er schriftlich seine Kündigung eingereicht, aber keine Antwort erhalten. In der Version der Militärstaatsanwaltschaft waren die Gründe andere. Der 20-jährige Artillerieschütze Iwan Schewkunow sei "nicht bereit gewesen, die Mühen und Entbehrungen des Wehrdienstes zu ertragen", heißt es in einem Schreiben, das das Internet-Portal veröffentlichte.

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Der 27-Jährige Unteroffizier Pawel Tyntschenko beklagt sich in seinem Einspruch an das Militärgericht in Maikop, dass seine Begründung für die Befehlsverweigerung nicht zu den Akten genommen wurde: "Ich habe dem rechtswidrigen Befehl nicht Folge geleistet, weil ich nicht gegen meinen Eid verstoßen wollte, indem ich an Kriegshandlungen auf dem Gebiet der Ukraine teilnehme."

Die Anwältin Tatjana Tschernezkaja, die fünf beschuldigte Zeitsoldaten vertritt, sagte, für den Einsatz in der Ukraine seien ihren Mandanten 8000 Rubel (130 Euro) am Tag in Aussicht gestellt worden. Ihrer Beobachtung nach sei die Zahl der Verweigerer hoch. Der offiziellen Statistik des zuständigen Militärgerichts ist zu entnehmen, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Maikop 62 Urteile wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe gefällt wurden. In den vergangenen fünf Jahren waren es insgesamt 35.

Das russische Verteidigungsministerium bestätigte, dass gegen vier Personen ermittelt werde, deren Fälle auf gazeta.ru dokumentiert sind, stritt aber ab, dass es dabei um einen Einsatz in der Ukraine gegangen sei. Die Beschuldigten hätten gegen Regeln verstoßen und seien nicht zum Dienst erschienen, sagte ein Vertreter des Südlichen Wehrkreises dem Radiosender Echo Moskaus.

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