Bahnprojekt: Runder Tisch Stuttgart 21 - ein Prälat muss helfen

Die Kirchen in Baden-Württemberg fürchten wegen des erbitterten Streits um das Projekt Stuttgart 21 um die Menschenwürde. Jetzt versucht ein katholischer Stadtdekan in Eigenregie, den sozialen Frieden in der Region zu retten.

Von Sarina Pfauth

Prälat Brock macht sich große Sorgen. Er fürchtet, dass die Lage in der Stadt eskaliert. Dass ein Bahnhof der Grund ist, dass Menschen jeglichen Respekt im Umgang miteinander verlieren. "Dem Frieden verpflichtet" hat der katholische Kirchenmann einmal eine seiner Andachten überschrieben. Sich für Frieden einzusetzen, sieht der Stuttgarter Stadtdekan Michael Brock als seinen Ruf, als eine urchristliche Aufgabe.

Nun hatte er Gelegenheit, ganz praktisch an der Umsetzung dieses hehren Ziels zu arbeiten: Die Befürworter und Gegner von Stuttgart 21 haben das Vermittlungsangebot des katholischen Geistlichen angenommen und trafen sich am Freitagvormittag zum ersten Mal zu Gesprächen. Gastgeber war Brock, Treffpunkt das Haus der Katholischen Kirche nahe dem Stuttgarter Hauptbahnhof.

"Der Tisch ist oval, die Parteien sitzen daran, und ich versuche mich dazwischenzusetzen in der Hoffnung, dass es friedlich bleibt", kündigte Brock vor dem Gespräch im Deutschlandfunk an. Nach dem Treffen konnte der Stadtdekan einen ersten Teilerfolg verkünden - dieser hängt allerdings am seidenen Faden: Gegner und Befürworter des Bahnprojekts hatten sich bei ihrem ersten offiziellen Treffen zwar vorsichtig angenähert. Beide Seiten sprachen danach von einem offenen und respektvollen Gespräch. Es solle demnächst sogar eine zweite Gesprächsrunde geben, bei der Experten hinzugezogen werden sollen, kündigte Brock an.

Die Gegner erwarten dafür jedoch bis in einer Woche ein Signal von der Bahn. "Man muss das ja nicht Baustopp nennen, sondern Innehalten oder so", sagte Grünen- Verkehrsexperte Werner Wölfe. Auch die Veröffentlichung eines detaillierten Bauzeitenplans könne so ein Zeichen sein. Bahn-Vorstand Volker Kefer kündigte an, dies zu prüfen, fragte aber auch: "Wofür soll das dienen?".

Während am Runden Tisch gesprochen wurde, verteidigten Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und Bahnchef Rüdiger Grube das Bauvorhaben vehement. Bei der Präsentation der beiden neuen Projektsprecher schlossen sie einen Baustopp bei Stuttgart 21 kategorisch aus. "Meine Hand ist ausgestreckt bei der Ausgestaltung des Projekts", sagte Mappus. "Aber einen Baustopp wird es nicht geben. Stuttgart 21 hat begonnen, wird gebaut und ist ein Jahrhundertbauwerk für das Land."

Wie festgefahren die Angelegenheit ist, zeigte sich bei der Sondierung an der Frage, ob das geplante Dialogforum überhaupt ergebnisoffen geführt werden könne. Unmöglich, betonte Oberbürgermeister Wolfgang Schuster von der CDU: "Das hieße ja, dass am Ende auch ein anderes Projekt verwirklicht werden könnte. Das geht aber nicht. Die Bahn hat Baurecht und die Bahn baut." Auch Kefer betonte, dass nicht mal ein vorübergehender Baustopp für die Bahn denkbar ist: "Ein Moratorium kommt für uns nicht infrage." Als möglichen Diskussionsstoff mit den Gegnern nannte Mappus lediglich die Gestaltung der Innenstadt. Der baden-württembergische Ministerpräsident sagte am Morgen mit Blick auf die zeitgleich laufenden Sondierungsgespräche mit den Gegnern des Milliardenprojekts: Wenn das einzige Ziel bei den Gesprächen sei, Stuttgart 21 zu stoppen, dann sei der Dialog hinfällig.

Gangolf Stocker, Chef der Bürgerinitiative "Leben in Stuttgart - Kein Stuttgart 21", gibt der Fortsetzung der Gespräche nach diesen Äußerungen kaum Chancen: "Da läuft nichts mehr", sagte er nach der Sondierung. Jede Fortsetzung, jedes Dialogforum, müsse natürlich ergebnisoffen sein.

Die neuen Sprecher des Bahnprojekts sind der ehemalige Stuttgarter Regierungspräsident Udo Andriof (CDU) und der Leonberger IT- Unternehmer Wolfgang Dietrich. Beide werden wie ihr Vorgänger, der SPD-Politiker Wolfgang Drexler, ehrenamtlich arbeiten. Drexler hatte vor wenigen Tagen das Handtuch geworfen, weil seine Partei für einen sofortigen Baustopp von Stuttgart 21 ist.

Prälat Brock, der Vermittler, betont in allen seinen öffentlichen Äußerungen, dass er keinerlei politisches Interesse an der Diskussion verfolgt: "Es geht um den sozialen Frieden in dieser Stadt und dieser Region, der deutlich gestört ist und darum, wie man ihn wiederherstellen kann. Der Bahnhof ist kein theologisches und kein kirchliches Thema, sondern wir schauen, ob die Menschen, die sich pro und contra äußern, das in einem freundlichen und von Respekt getragenen Ton tun", sagte der 48-Jährige.

Die Emotionen seien äußerst bewegt in der Stadt, und auch die Vertreter der Streitparteien seien besorgt, dass es zu Eskalationen komme. "Wir sind der Meinung, dass es einen Dialog braucht, der nicht auf der Straße stattfindet. Ich möchte dafür sorgen, dass es zu einem kontinuierlichen Dialog kommt." Dem SWR sagte der Prälat: "Ich möchte gerne hilfreich sein."

Dass er sich in die Politik nicht einmischen will, hat Brock erst im Juli mit Nachdruck deutlich gemacht: Damals rief er die Polizei, um seine Kirche von jungen Demonstranten räumen zu lassen, die gegen einen Gelöbnis-Gottesdienst der Bundeswehr protestierten. "Ich habe ihnen gesagt, dass ich den Raum nicht für eine politische Aktion zur Verfügung stelle", sagte Brock später den Stuttgarter Nachrichten. "In der Kirche kann nicht demonstriert werden."

Dass ein Vertreter der katholischen Kirche als neutraler Vermittler in dem Streit auftritt, ist angesichts der bisherigen Rolle der Kirchen in dem Streit nachvollziehbar: Nachdem Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche immer wieder mit Nachdruck dazu aufgefordert hatten, sich auf eine Seite zu schlagen und Partei zu ergreifen, sahen sich die Württemberger Bischöfe beider Kirchen Anfang September genötigt, öffentlich Stellung zur Causa Stuttgart 21 zu beziehen.

"Mit großer Sorge nehmen wir wahr, dass die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 in der Bürgerschaft dieser Stadt und darüber hinaus tiefe Risse erkennen lassen", schrieben Landesbischof Otfried July und Bischof Gebhard Fürst in einer gemeinsamen Erklärung. "Wir sind als Kirchen nicht unparteiisch", schrieben sie. "Jedoch beziehen wir anders Partei, als es Gegner und Befürworter von den Kirchen fordern. Wir nehmen in diesem Konflikt Partei für die Menschenwürde und für einen Umgang in der inhaltlichen Auseinandersetzung, der dem sozialen Frieden dient."