Regierungsbildung in Italien Empörung schweißt zusammen

Ärger in der Auslage: Artikel der internationalen Blätter, die in Italiens Kiosken erhältlich sind, erregen die Chefs von Lega und Cinque Stelle.

(Foto: imago/Schöning)
  • Die italienischen Populisten von den Cinque Stelle und der Lega sind sofort zur Stelle, wenn im Ausland schlecht über die italienische Regierungsbildung geschrieben wird.
  • In den Programmen gibt es viele Widersprüche, aber die Angriffe von Außen bringen die Parteien zusammen.
  • Dabei hilft ihnen, dass die ausländische Kritik zuweilen tatsächlich arg stereotypisiert ist.
Von Oliver Meiler, Rom

Jede Anfeindung ein Pluspunkt, jedes Klischee ein Triumph. Den italienischen Populisten von den Cinque Stelle und der Lega ist es zwar nicht gelungen, ihre abenteuerliche Koalition an die Macht zu bringen. Doch während der wochenlangen Wirren rund um die gescheiterten Regierungsbildung freuten sie sich an nichts mehr als an der geballten, zuweilen auch arg stereotypisierten Kritik, die sich aus dem Ausland über ihnen entlud.

Sie kam aus Brüssel, Berlin, zuweilen auch aus Paris. Mal äußerte sich ein Kommissar mit schulmeisterlichem Ton, mal ein ungefragt redseliger Minister aus einem Partnerstaat der Union, mal eine Ratingagentur mit der Androhung einer baldigen Deklassierung Italiens. Und jedesmal traten Matteo Salvini von der Lega und Luigi Di Maio von den Fünf Sternen dann vor die Presse und verbaten sich mit dem Brustton allergrößter Entrüstung jegliche Einflussnahme aus dem Ausland.

In der Empörung über die Außensicht finden die Koalitionäre zusammen

Es gibt keine öffentlichen Erhebungen dazu, wie viel innenpolitische Gunst ihnen diese Missgunst von außen bei den nächsten Wahlen bringen wird. Die Vermutung ist: ziemlich viel. Italien mag das "Land der tausend Kirchtürme" sein, wie es heißt, weil die Gemeinden und Regionen mehr zählen als das Ganze. Doch wenn man die Italiener blöd angeht, regt sich so etwas wie ein kollektiver, fast schon patriotischer Reflex, über alle parteipolitischen Gräben hinweg.

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Salvini und Di Maio werden diesen Reflex für ihr Momentum nutzen und behaupten, das Ausland habe so viel Druck auf Italiens Staatschef ausgeübt, dass der ihr Kabinett nicht billigte. In der Empörung über die Außensicht, ist man ein Herz und eine Seele. Die systemkritischen Kräfte fühlen sich bestärkt darin, dass ebendieses System sie nun verhindert haben: die "Eurokraten" in Brüssel eben, die beredten Minister in Berlin und Paris, die Banker und die Fondsmanager an den Finanzmärkten. Die Populisten nennen sie auch schon mal "Feinde des italienischen Volkes".

Der deutschen Presse wird besondere Aufmerksamkeit zuteil

In dieses Feindbild packen sie auch die ausländischen Medien, die, das stimmt schon, in ihrer großen Mehrheit keine sehr hohe Meinung hatten von den schwer finanzierbaren und eurokritischen Regierungsplänen der Lega und der Fünf Sterne. Manchmal fiel diese Kritik etwas holzschnittartig aus. Die Londoner Zeitung "Financial Times" etwa nannte die Populisten "die neuen Barbaren in Rom". Die "New York Times" schrieb über den kurzzeitig designierten Premier, den bislang gänzlich unbekannten Rechtsprofessor Giuseppe Conte: "Ihn qualifiziert vor allem, dass er bereit ist, Befehle auszuführen." Gemeint waren Befehle von Salvini und Di Maio.

Eine besondere Aufmerksamkeit wird seit jeher der deutschen Presse zuteil. Fast täglich zitieren italienische Zeitungen aus deutschen Blättern, sezieren Karikaturen, suchen in Texten über Italien nach alten Gemeinplätzen und werden dabei oft fündig. "La Stampa" nennt es "die ewige Partie Rom gegen Berlin". Am Wochenende gab ein Kommentar auf "Spiegel Online" viel zu reden, er trug die Überschrift: "Die Schnorrer von Rom." Darin hiess es: "Wie soll man das Verhalten einer Nation nennen, die erst die Hand aufhält, um sich ihr sprichwörtliches dolce far niente von anderen finanzieren zu lassen - und dann damit droht, den Geldgebern den Knüppel über den Kopf zu ziehen, wenn diese auf einer Begleichung der Schuld bestehen? Bettelei wäre der falsche Begriff. Der Bettler sagt wenigstens Danke." Dazu ein Foto des Jachthafens von Portofino als Illustration dafür, dass die Italiener eigentlich reich seien.

Der italienische Botschafter in Berlin, Pietro Benassi, beschwerte sich in einem Brief. Er achte die Meinungsfreiheit hoch ein, schrieb er dem Spiegel, der betreffende Kommentar habe aber einen "trostlosen Nachgeschmack" und verletze "ein ganzes Volk". Das wiederum gab Applaus von den Populisten daheim, die auch nicht eben geizen mit Kommentaren mit zweifelhaftem Beigeschmack. Salvini sagte, man lasse sich das Geschimpfe der Deutschen nicht länger gefallen. Seiner Propaganda aber ist es ganz dienlich.

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