Protokoll von Hogesa-Gewalt Nach 46 Minuten bricht das Chaos aus

Am 26.10. eskalierte der Aufmarsch der Hooligans in Köln.

(Foto: dpa)

Erst Hitler-Gruß, dann Dosenwürfe, dann Eruptionen der Gewalt: Ein Bericht des NRW-Innenministeriums zeigt detailliert, wie die Hooligan-Demo in Köln außer Kontrolle geriet. Protokoll einer Straßenschlacht.

Von Jannis Brühl, Köln

46 Minuten dauerte es von den ersten Tönen der rechten Hooligan-Band "Kategorie C", die neben dem Bahnhof antimuslimische Lieder spielte, bis zum ersten größeren Gewaltausbruch vor einem Wohnhaus.

Wie die gewalttätige Demo der "Hooligans gegen Salafisten" am 26. Oktober in Köln aus offizieller Sicht ablief, steht in einem Protokoll des nordrhein-westfälischen Innenministeriums (Bericht als PDF). Es zeigt minutiös, wie die Versammlung von mehr als 4000 gewaltbereiten Fußballfans und Rechtsradikalen eskalierte und wie die Polizei von den plötzlichen Angriffswellen überrollt wurde. Der Bericht wird am Donnerstag auch Thema im Innenausschuss sein. Denn dass der zuständige Innenminister Ralf Jäger (SPD), der den Bericht unterzeichnet hat, dennoch mit den Planungen der Polizei zufrieden ist, passt der Opposition gar nicht. Sie will Jäger im Landtag unangenehme Fragen stellen. Eine groß angekündigte Demo der "Hooligans gegen Salafisten" in Hannover am vergangenen Wochenende war unter den Augen eines massiven Polizeiaufgebotes vergleichsweise gewaltfrei verlaufen.

Der Ablauf der Kölner Demo, basierend auf dem Protokoll:

12.00 Uhr: Die ersten Hooligans sammeln sich auf dem Breslauer Platz neben dem Hauptbahnhof. Über Facebook waren 57 000 Einladungen verschickt worden, es gab 7205 Zusagen.

14.45 Uhr: Einer der Organisatoren verliest die Auflagen: Keine Pyrotechnik, keine Flaschen, kein Alkohol, Einsatz von Ordnern.

15.03 Uhr: Der Sänger von "Kategorie C" tritt auf. Er singt unter anderem: "Heute schächten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder" Nach Meinung der Staatsanwaltschaft "strafrechtlich nicht relevant", schreibt das Innenministerium. Es folgen mehrere Redner, einer beendet seine Ansprache mit Hitler-Gruß. Mehrere im Publikum erwidern ihn. Ein Strafverfahren gegen den Redner läuft.

15.33 Uhr: Der Zug der Hooligans setzt sich in Bewegung Richtung Kunibertsviertel. Demonstranten trinken trotz Verbotes Alkohol. Die Polizei greift nicht ein, laut Bericht aus "deeskalativen Gründen". Hooligan-Parolen "dominieren eindeutig" schreibt das Innenministerium. Sie verweist auch darauf, dass die schwarz-rot-goldenen Fahnen, die viele schwenken, von Neonazis abgelehnt werden - weil sie für die Bundesrepublik stehen. Zehn Prozent der Demonstranten sind nach der offiziellen Interpretation Rechtsextreme, sie rufen unter anderem: "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus".

15.42 Uhr: Auf der Maximinenstraße fliegt eine Dose auf Journalisten.

15.49: Ein Mann im Trikot einer türkischen Fußballmannschaft taucht an einem Fenster in der Turiner Straße auf und zeigt den Demonstranten den Mittelfinger. Die Hooligans reagieren, indem sie "massiv" Flaschen und Pyrotechnik auf das Haus und die Polizisten davor werfen. Versuche des Versammlungsleiters, die Demonstranten zu beruhigen, ignorieren viele. Die Kontrolle ist den Organisatoren entglitten. Eine Ecke weiter versuchen die Demonstranten, durch die Polizeireihen zu brechen.

15.58 Uhr: Die Hooligans bewerfen mehrere Gaststätten mit Gegenständen. Die Gewalt sei "exzessiv, teils eruptiv" gewesen, und - so steht es im Bericht - "nicht vorhersehbar". Und das, obwohl die Kölner Polizei dem selben Bericht zufolge von "einem hohen Potential an gewaltbereiten Personen" ausging.

15.58 Uhr: Der Veranstaltungsleiter teilt der Polizei mit, dass er die Demo auflöst. Das hätte die sonst ohnehin getan. Unklar bleibt, ob die Ordner den Hooligans daraufhin mitteilen, dass die Veranstaltung beendet ist, und sich für einen geordneten Abzug einsetzen.

16.06 Uhr: Weil die Polizisten wieder massiv attackiert werden, teils mit "direkter Konfrontationssuche", wie es im Bericht heißt, setzen sie zum ersten Mal zwei Wasserwerfer ein. Offizielles Fazit: "Die Wasserabgabe führte unverzüglich zu einer deutlichen Lageberuhigung."

16.35 Uhr: Die Lage auf dem Breslauer Platz ist außer Kontrolle. Hooligans werfen einen Kleinbus der Bereitschaftspolizei um. Polizisten konnten sich dem Wagen nicht nähern, sagt der Bericht. Der Vorfall wird aber noch geprüft. Der gesamte Sachschaden wegen der Ausschreitungen beträgt 40 000 Euro.

17.20 Uhr: Angriff auf Polizisten vor einer Bäckerei, die zum Bahnhof gehört. Die Angreifer werfen Flaschen, Steine, Stangen und "massive Edelstahlständer aus der Außengastronomie". Insgesamt werden an dem Tag 45 Beamte verletzt, meist am Kopf, Schlüsselbein oder der Leistengegend. Die Diagnosen: Platzwunden, Prellungen, Knalltraumata.

17.22 Uhr: Wasserwerfereinsatz gegen die restlichen Randalierer. Die meisten treten die Heimreise an. Es gibt zehn Festnahmen, sieben Ingewahrsamnahmen, eine Frau ist darunter. 111 Verfahren laufen, 63 Verdächtige sind identifiziert.

Der Bericht zeigt auch, dass die Polizei Tage vor der Veranstaltung mit 4000 Teilnehmern rechnete. Dennoch war sie der Meinung, 1300 Polizisten würden ausreichen. Mehr Polizisten oder gar Spezialkräfte einzusetzen, sei den Kenntnissen vor der Demo nach nicht nötig gewesen, heißt es in dem Bericht.

Minister Jäger erklärt die Planungen für angemessen. In einem Brief eines angeblich am Einsatz beteiligten Beamten, den CDU-Fraktionschef Armin Laschet im Landtag verlas, schreibt ein Polizist: "Wären Salafisten oder Türken in Sichtweite erschienen, hätte es offene Konfrontationen unter Inkaufnahme von Schwerstverletzten und Toten gegeben."