Proteste in Ägypten "Die Zeit war reif für eine Revolution"

Der britische Journalist John R. Bradley sagte schon 2008 in einem Buch einen Umsturz in Ägypten voraus. Er erklärt im sueddeutsche.de-Gespräch, weshalb das Volk Mubaraks Sohn Gamal hasst, wo für die Armee die Grenzen der Loyalität liegen - und wieso der morgige Freitag entscheidend sein könnte.

Interview: Marlene Weiss

Der britische Journalist John R. Bradley hat das vergangene Jahrzehnt größtenteils in Ägypten und Saudi-Arabien gelebt. 2008 vertrat er in einem Buch die These, Ägypten stehe eine Revolution bevor - viele seiner Analysen haben sich inzwischen als zutreffend erwiesen. "Die Zeit war reif", sagt er. Bradley hat unter anderem für die Zeitschriften Washington Quarterly, Newsweek und den Economist geschrieben.

sueddeutsche.de: Der Titel Ihres Buches wirkt im Nachhinein ziemlich prophetisch: Inside Egypt: The Land of the Pharaohs on the Brink of a Revolution. Warum waren Sie sich vor drei Jahren so sicher, dass Ägypten an der Schwelle einer Revolution stand?

John R. Bradley: Ich hatte jahrelang in mehreren Städten in Ägypten unter normalen Leuten gelebt und nur Arabisch gesprochen. Die intellektuelle Elite im Land redete schon seit geraumer Zeit von einer bevorstehenden Revolution, ebenso die einfachen Leute. Auf sie habe ich gehört. Westliche Journalisten und Diplomaten haben das Buch damals als alarmistisch abgetan.

sueddeutsche.de: Diese Kritik war wohl etwas voreilig. Warum haben die meisten Beobachter die Entwicklung im Land falsch analysiert?

Bradley: Viele leben dort sehr privilegiert, sie treffen nur andere Journalisten und Diplomaten und haben eine Standardeinschätzung des Landes, der sie mit wenigen Variationen immer folgen.

sueddeutsche.de: Wie wurde die Lage in Ägypten beurteilt?

Bradley: Der Tenor lautete: Ja, es gibt Unzufriedenheit, Armut und Brutalität, aber das Regime ist so skrupellos und die Opposition so unterdrückt, dass jeder Protest im Keim erstickt wird. Schließlich arbeiten fast zwei Prozent der Bevölkerung in der einen oder anderen Form für die Sicherheitskräfte. Ich habe damals argumentiert, dass ein unvorhersehbares Ereignis in der vorherrschenden Stimmung dennoch jederzeit eine Revolution auslösen könnte. Es brauchte nur einen Funken.

sueddeutsche.de: Dann kam der aktuelle Aufstand für Sie nicht überraschend?

Bradley: Nein, überhaupt nicht. Natürlich konnte niemand vorhersagen, dass die Umwälzung in Tunesien der Auslöser sein würde - es hätte alles sein können. Aber die Zeit war reif für eine Revolution, denn es war absehbar, dass die Ägypter die Geduld verlieren würden. Die Situation ähnelte jener im Jahr 1952, kurz bevor der König gestürzt wurde und Nasser an die Macht kam: Das Regime hatte alle seine Ideale aufgegeben, und es gab Armut und Korruption. Die Bevölkerungsexplosion hat alles im Vergleich zu 1952 noch verschlimmert.

sueddeutsche.de: In Ihrem Buch widmen Sie Gamal Mubarak viel Aufmerksamkeit. Welche Rolle hat der Sohn des Noch-Präsidenten gespielt?

Bradley: Ein Grund, warum ich eine Revolution in diesem Jahr für wahrscheinlich hielt, war die im September anstehende Präsidentschaftswahl. Es war klar, dass Hosni Mubarak seinen jüngeren Sohn Gamal auf die Machtübergabe vorbereitete. Die Vertreter des Regimes waren so abgehoben, arrogant und brutal zu denken, dass sie die enorme Wut ignorieren könnten, die diese Erbfolge auslösen würde. Die gesamte Opposition, von Linken über die Arbeiterbewegung bis zu den Islamisten, war absolut dagegen.