Proteste gegen "Stuttgart 21" Aufstand der Schwaben

Es ist mehr als ein Kampf gegen "die da oben": Die Proteste der "Stuttgart 21"-Gegner sind die Folge eines eklatanten politischen Versagens. Es wird Zeit, dass die Regierenden endlich auf die Bürger zugehen und sie ernst nehmen.

Ein Kommentar von Martin Kotynek

Gemeinhin gilt der Württemberger als ein eher friedliebender, genügsamer Mensch. Er ist nicht dafür bekannt, zu randalieren, Krawall zu schlagen oder gar Autos anzuzünden. Überhaupt läuft die Geschichte Württembergs nach den Bauernaufständen von 1514 sehr gesittet ab. Im Gegensatz zu ihren badischen Nachbarn entwickelten die Württemberger über die Jahrhunderte keinen rebellischen Charakter. Sogar die Revolution von 1848 verlief geradezu in geordneten Bahnen, und auch danach ließ man sich in Württemberg kaum zu aufsehenerregenden Rebellionen hinreißen.

Umso erstaunlicher ist, was derzeit in der württembergischen Hauptstadt passiert. Stuttgart tobt. Seit Wochen gehen bis zu 20.000 Menschen auf die Straße. Beinahe täglich versammeln sie sich vor dem Bauzaun am Hauptbahnhof, und ständig werden es mehr. Sie drohen: "Bei Abriss Aufstand" - wenn der Nordflügel des Bahnhofs fällt, und damit ist täglich zu rechnen, soll es eine richtige Revolte geben. Vieles deutet darauf hin, dass die Stuttgarter ihre Drohung wahr machen werden.

Die Stadt ist radikalisiert, Sachargumente spielen keine Rolle mehr. Noch haben die Proteste eher Volksfest-Charakter, doch die Stimmung kippt. Ein Schwabenaufstand wird täglich wahrscheinlicher.

Was historisch gesehen überraschend wirkt, ist die Folge eines eklatanten politischen Versagens. Es ist ein Musterbeispiel für ein solches Versagen: Berauscht von ihrem Milliardenprojekt "Stuttgart 21", dem derzeit größten Bauvorhaben Deutschlands, haben Politiker von CDU und SPD von Anfang an beinahe alles getan, um ihren Traum wahr werden zu lassen - und dafür einen unehrlichen, ja autistischen Kurs eingeschlagen. Durchziehen, aussitzen und rasch Fakten schaffen lautete die Strategie. Die Bürger wurden in das Großprojekt kaum einbezogen; Kritiker galten rasch als rückwärtsgewandte Querulanten. Ein Gutachten, das vor Engpässen in dem Tunnelsystem warnt, hielten die Verantwortlichen zurück. 60000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid wischten die Regierenden vom Tisch. Tausende Eingaben besorgter Bürger ließen sie unbearbeitet.

Stattdessen treten die Verantwortlichen noch heute mit einer Verheißungsrhetorik auf, die den fortschrittsgläubigen Geist der Planungsphase in den neunziger Jahren verströmt. Sie sprechen von neuen Stadtvierteln auf ehemaligen Gleisflächen, hohen Geschwindigkeiten, zukunftsweisender Infrastruktur, von ungeahntem Wachstum und riesigen Gewinnen für die Stadt.

Tatsächlich bietet "Stuttgart 21" einige Chancen für die Entwicklung der Stadt. Doch heute glauben die Menschen nicht mehr an solche Phrasen. Sie wissen auch, dass der Fortschrittsglaube der Regierenden schon einmal ins Unglück geführt hat, als die Stadtplaner nach dem Zweiten Weltkrieg im Stadtbild ähnlich zerstörerisch gewirkt haben wie die Bomben zuvor.

Von den alten Bauwerken haben die Planer damals nur wenige stehen lassen, das Stadtbild hat sich nicht zu seinem Vorteil verändert. Eines der letzten übrig gebliebenen Denkmäler ist der Hauptbahnhof; er ist ein Identifikationsmerkmal, ein Wahrzeichen der Stadt Stuttgart. Die Menschen hängen emotional an dem Bau, ihn und seine Umgebung wollen sie vor stadtplanerischen Luftschlössern und investorengerechter Blockbebauung bewahren.

Dieser Wunsch ist im besten Sinne konservativ, und so wundert es nicht, dass insbesondere das gemäßigte Bürgertum die Proteste trägt. Rechtsanwälte, Steuerberater, Denkmalschützer und andere Menschen aus der Mitte der Gesellschaft nehmen an den ersten Sitzblockaden ihres Lebens teil. Dabei treibt sie weit mehr an als eine kleinbürgerliche Auflehnung gegen "die da oben" oder die Angst vor jahrelangem Schmutz, Staub und Lärm rund um eine Großbaustelle.

Das württembergische Bürgertum blickt vielmehr auf eine lange Tradition der Mitsprache zurück, ihre Vertreter regierten schon im Landtag mit, als anderswo noch Adelige auf fast mittelalterliche Art alleine herrschten. Bevormundung ist dem Schwaben zuwider. Sie wollen nicht einfach dabei zusehen, wie über ihre Köpfe hinweg ein Stück ihrer Heimat zerstört werden soll.

Für die CDU wäre es nun dringend an der Zeit umzudenken. Nicht nur aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus - derzeit spricht vieles dafür, dass die Partei bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im kommenden Jahr massive Verluste hinnehmen muss und im Jahr darauf das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters an die Grünen verlieren wird.

Ihrer politischen Instinktlosigkeit zum Trotz müssen die Regierenden erkennen, dass sich ein Projekt dieser Dimension mitten in der Stadt schon allein aus praktischen Gründen nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchziehen lässt. Die Polizei kann nicht - so wie in diesen Tagen - jedem Bagger und jedem Lastwagen jahrelang den Weg durch die Menschenmenge am Bauzaun bahnen.

Die Politiker können den drohenden Schwabenaufstand nicht länger ignorieren - egal, wie irrational die Argumente der Stuttgart-21-Gegner sind, egal, wie hilflos deren Alternativkonzept ist. Es ist an der Zeit, die Bürger endlich ernst zu nehmen und auf sie zuzugehen. Auf die Friedensliebe der Württemberger ist nicht länger Verlass.

"Bei Abriss Aufstand"

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