Krankenversicherung Mitleid mit Privatversicherten ist nicht nötig

Die Zeiten haben sich geändert: Heute weiß mancher Privatversicherte längst, dass das Paradies endlich sein kann.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Die Beiträge für private Krankenversicherungen steigen kräftig. Und das ist vermutlich erst der Anfang. Eine Schurkerei? Nein, ein ganz normaler ökonomischer Vorgang.

Kommentar von Marc Beise

Einst, vor vielen Jahren, war man der Dumme. Man wollte partout nicht in die private Krankenversicherung wechseln, obwohl die Beiträge dort viel niedriger waren als in der gesetzlichen. Die Cleveren, die mit dem Taschenrechner, kriegten sich nicht ein über so viel Hasenfüßigkeit: weiter AOK statt künftig DKV, Kassenpatient von der Stange sein, statt Vorzugsbehandlung beim Arzt bekommen: Wie konnte man nur so töricht sein?

Das ist lange her. Heute weiß mancher Privatversicherte längst, dass das Paradies endlich sein kann. Die Mitglieder der DKV, der zweitgrößten privaten Krankenkasse, erfahren gerade schmerzlich, dass für viele von ihnen die Beiträge kräftig steigen werden, um bis zu 150 Euro monatlich. Andere Kassen werden folgen, und das ist vermutlich erst der Anfang. Eine Schurkerei? Nein, sondern Ergebnis ökonomischer Gesetzmäßigkeit.

Wachsende Ausgaben und niedrige Zinsen - das sind die beiden maßgeblichen Gründe für die Tariferhöhungen: Zum einen also steigen die Gesundheitskosten angesichts einer alternden Gesellschaft und neuer, teurer Therapien. Zum anderen durchkreuzen die niedrigen Zinsen das Geschäftsmodell der privaten Versicherer.

Wenn es einen Schuldigen gibt, dann ist das die EZB

Anders als die Gesetzlichen sind sie ja nicht nach dem Umlagesystem organisiert, in dem die Gesunden einzahlen und die Kranken etwas herausbekommen. Sondern die Privaten müssen die vielen Milliarden Euro ihrer Kunden gewinnbringend anlegen, um vorzusorgen für den Anstieg der Kosten im Alter. Eine gute Verzinsung ist Teil also dieses Deals. Nur leider funktioniert der im Tiefzinsumfeld kaum noch.

Der Schuldige an dieser Entwicklung, wenn man denn einen sucht, ist nicht bei den Kassen zu finden, sondern bei der Europäischen Zentralbank (EZB). In ihrem Streben, die Wirtschaft am Laufen zu halten und hochverschuldete Euro-Staaten vor dem Kollaps zu bewahren, druckt sie immer mehr Geld und drückt es in den Markt. Das trifft Banken und eben auch Versicherer unmittelbar und brutal.

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Mitleid ist nicht angebracht

Nun ist das keine existenzielle Frage. Jedes Unternehmen wird sich im eigenen Interesse bemühen, die Belastung für die Kunden so gering wie möglich zu halten, und je nach Vertragsgestaltung sind auch nicht alle Kunden gleichermaßen hart getroffen. Auch muss die Niedrigzinsphase nicht ewig dauern, der Trend kann - das hofft die EZB - auch wieder drehen. Ohnehin wird sich der Gesundheitsmarkt durch die digitale Revolution ändern, was auch im Interesse des Kunden sein kann.

Panik ist deshalb nicht angebracht. Aber ein Schnäppchen wie einst ist die Private Krankenversicherung nicht mehr. Was man aber auch mal sagen muss: Bis auf die Beamten ist niemand gezwungen worden, dort einzutreten. Mitleid ist also nicht angebracht mit denen, die jetzt schlechter dran sind, als sie es sich einst ausgerechnet haben.

Schon gar nicht sind die aktuellen Nachrichten ein Anlass, die alte Diskussion um eine einheitliche Bürgerkrankenversicherung aufzuwärmen. Das zweigleisige System hilft, das Gesundheitswesen so effizient zu halten, wie es eben geht. Wettbewerb, wenn er denn funktioniert, ist immer noch die beste Garantie dafür, dass der Bürger am Ende gut bedient wird. Selbst wenn mancher Privatversicherte das im Moment ganz anders sieht.

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