Pressestimmen zu Griechenland "Die größte Bedrohung Europas ist Schäuble"

Wie internationale Medien die Einigung von Brüssel bewerten.

Ta Nea, Griechenland:

Ta Nea, die beliebteste Zeitung des Landes, titelt: "Schwierige Einigung, aber immerhin eine Einigung". Davor war die Zeitung hart mit Ministerpräsident Tsipras ins Gericht gegangen. "Wie ein Bettler" habe der einst so stolze Tsipras "um das härteste und demütigendste Hilfsprogramm in fünf Jahren bitten" müssen, kommentierte Ta Nea.

Kathimerini, Griechenland:

Die liberal-konservative Kathimerini bleibt nach der mehrstündigen Sitzung nüchtern: "Einstimmiges Ergebnis nach 17 Stunden Verhandlungen", schreibt die Zeitung.

Efsyn, Griechenland:

Und auch die der Regierungspartei Syriza nahestehende Efsyn bilanziert eher nüchtern: Diese Einigung sei "das Resultat eines dramatischen Kurses".

The Guardian, Großbritannien:

"Die Euro-Familie hat sich als ein kreditwucherndes Konglomerat entpuppt, das sich nicht um die Demokratie kümmert", meint Suzanne Moore vom Guardian. Die Welt sehe dabei zu, wie Griechenland im Namen der Stabilität entmündigt werde. Zwar bestehe kein Zweifel an der Inkompetenz der bisherigen griechischen Regierungen, doch das habe die Eurozone schon gewusst, bevor die ersten Kredite vergeben worden seien. Die harte Linie sei nicht förderlich, sie sei einfach nur hart um des "Hart-Sein-Willens".

Le Monde, Frankreich:

Die Zeitung Le Monde aus Frankreich beschreibt die Morgenstunden der Brüsseler Einigung als "die Nacht, in der Deutschland Tspiras in die Zange nahm". Ein Kompromiss? Eigentlich sei es eher etwas, dass wie eine Kapitulation des griechischen Premier Alex Tsipras erscheine.

Público, Portugal

"Die größte Bedrohung Europas heute sind weder Putin noch der islamische Fundamentalismus, weder die USA noch China, weder die Euroskeptiker noch die Populisten. Die größte Bedrohung Europas heute stellt Wolfgang Schäuble dar, der deutsche Finanzminister", schreibt Rui Tavares von der Tageszeitung Público. Schäuble wisse, dass er gar nicht im Recht sein müsse. "Es reicht, der Finanzminister des reichsten Landes der EU zu sein." Kein anderes Land habe dem etwas entgegensetzen können. Die jüngste Forderung eines Privatisierungsfonds, der von den Gläubigern kontrolliert werde, scheine "aus dem schlimmsten Kolonialismus und Imperialismus des 19. Jahrhunderts" zu kommen.

El País, Spanien

Die Brüsseler Korrespondenten der spanischen Zeitung El País, Claudi Pérez und Lucía Abellán Hernández, bewerten die Einigung kritisch, als "kleine Rache nach dem (griechischen) Referendum von vor acht Tagen, das in Brüssel als Affront interpretiert wurde". Verantwortlich für die Härte ist aus Sicht von El Paísvor allem Angela Merkel. Angesichts der Notlage im Land habe die Regierung von Alexis Tsipras keine andere Wahl gehabt, als praktisch 100 Prozent der Forderungen zu akzeptieren. Die einzigen Zugeständnisse an Athen: "Europa erkennt offen die Notwendigkeit einer Schulden-Restrukturierung an." Und der Grexit sei vom Tisch.

Volkskrant, Niederlande:

"Brüssel legt Athen auf die Folterbank", titelt die niederländische Zeitung Volkskrant. Griechenland müsse sich tief bücken, um den Forderungen der Geberländer gerecht zu werden, daraufhin neue Kredite zu bekommen und die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.

"Es war eine Einbahnstraße, wir mussten zustimmen"

Die Griechen sind erleichtert, dass der Brüsseler Deal den Grexit verhindert. Sie spekulieren über Neuwahlen und eine Syriza-Spaltung - doch Premier Tsipras ist unangefochten. Von Matthias Kolb mehr ... Report

The Irish Times, Irland:

Die irische überregionale Tageszeitung The Irish Times kritisiert das Verfahren und das Ergebnis der Marathon-Verhandlungen. "Der Weg zum harten Hilfsprogramm, was mehr als 80 Milliarden Euro für die Griechen sichern soll, war ein langsamer, erniedrigender Vorgang, ein Pokerspiel mit Multi-Milliarden-Beträgen, bei dem die ganze Welt zuschaute."

Jutarnji List, Kroatien:

Auch die kroatische Tageszeitung Jutarnji List deutet die historische Einigung mit hoffnungsvollen Worten. Sie schreibt: "Die Einigung wird die EU stärken". Die Verhandlungspartner in der Griechenlandkrise scheinen sich ihrer historischen Verantwortung bewusst zu sein: "Es ist gut, dass sich alle Zeit genommen haben, dass Tsipras sich Varoufakis entledigt und neue Reformen vorgeschlagen hat."

Hamburger Abendblatt

"Der Grexit mag unwahrscheinlicher geworden sein, er bleibt aber eine Option, etwa wenn die Reformen in Athen scheitern", schreibt die Zeitung. Vielleicht müsse Europa Griechenland dann mit einem Schuldenschnitt teuer aus der Währungsunion hinauskaufen. Oder aber den Abgeordneten oder Wählern anderswo, im Baltikum, in Finnland, der Slowakei würde der Kragen platzen - und die Währungsunion der 19 in Frage stellen. Am wahrscheinlichsten ist laut Hamburger Abendblatt aber, dass "das Gewurschtel" vorerst weiter geht. Das alles seien keine guten Perspektiven für ein geeintes Europa.

Frankfurter Rundschau

"Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone haben am Montagmorgen die Fortsetzung der gescheiterten "Rettungspolitik" beschlossen", schreibt die Frankfurter Rundschau. Es sei eine Politik, die auf zwei Säulen ruhe: Erstens der Ideologie vom Sanieren durch plumpes Sparen an der falschen Stelle. Und zweitens dem Vorrang nationaler Interessen vor dem Aufbau einer echten Europäischen Union. Eine gängige Klage laute, "wir" pumpten Milliarden und Abermilliarden in einen kaum funktionierenden Staat. Das tue allerdings in Wahrheit niemand. Stattdessen würde unter dem zynischen Titel "Hilfe" mit immer neuen Milliardenkrediten die alten Milliardenkredite abgelöst. "Das hilft dem Durchschnitts-Griechen so wenig wie den Deutschen oder irgendwem sonst, außer denen, die an diesen Krediten verdienen."

Berliner Zeitung

Der Berliner Zeitung zufolge ist nach der Einigung eines deutlich geworden: "Europa hat in Alexis Tsipras einen charismatischen Vorkämpfer, einen, dem Europa wichtiger ist als der kurzfristige parteipolitische Vorteil, mancher bizarr anmutenden Volte zum Trotz. Sollte er über diese Haltung stürzen, wäre das ein Verlust vor allem auch für die europäische Idee." So viele Politiker seines Schlages, der auch junge Leute erreicht, gäbe es in Europa nicht.

Münchner Merkur

Für den Münchner Merkur bricht der nächste Zahltag für Europa an - für alle: "86 Milliarden müssen die Europäer nach Griechenland überweisen - an ein Land, dessen Regierung im Gegenzug ihren Bankrott erklären und ein fiskalisches Versailles akzeptieren muss". In Brüssel würden die Eurokraten den Kompromiss als Sieg Europas feiern, schreibt die Zeitung. "Schamloser wurde nie gelogen im Reich der Euroretter." Die bittere Wahrheit sei: "Griechen und Europäer sind fertig miteinander." Europas Plan, eine marxistisch-sozialistische Regierung zur Durchführung einer neoliberalen Reformagenda zu zwingen, sei zum Scheitern verurteilt. Doch zum Grexit fehle beiden (noch) der Mut.

Handelsblatt

"Das griechische Problem ist für die Eurozone mit der Einigung von diesem Montag noch lange nicht erledigt", meint Ruth Berschens vom Handelsblatt. Schließlich habe sich die griechische Regierung noch vor kurzer Zeit gegen Reformen gewehrt. Harte Auseinandersetzungen seien nun vorprogrammiert. Griechenland habe "Zwietracht" in Europa gesät, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sei dementsprechend schwierig.

Spiegel online

"Das griechische Drama wird mit dieser einen großen Nachtsitzung sicherlich nicht beendet sein", meint Roland Nelles auf Spiegel online. Viel Schaden sei durch das Verhalten Tsipras', jedoch auch durch die harten Forderungen Deutschlands entstanden. Merkel und Schäuble hätten mit ihrer "strammen Sparrhetorik" zwar viele Anhänger im eigenen Land - aber auch halb Europa gegen sich aufgebracht. Nun sei es an der Zeit, einander wieder gegenseitigen Respekt zu zollen, damit die Kompromisse umgesetzt werden könnten.