Praktiken der Geheimdienste Das große Absaugen unter Freunden

"Stoppt das Spionieren!": Kritiker protestieren während einer Anhörung der Geheimdienstchefs James Clapper und Keith Alexander im US-Kongress. Auch europäische Politiker mokieren sich gerne über die Machenschaften des NSA - und heucheln dabei.

Was ist Wahrheit und wer lügt? Das ist in der Welt der Geheimdienste nicht immer leicht auseinanderzuhalten. Über die Machenschaften der NSA regen sich europäische Politiker gerne auf. Sie verschweigen aber, dass der BND oder der französische Dienst häufig eng mit den US-Kollegen kooperieren - und dabei gezielt Daten von ihren eigenen Bürgern anfordern.

Von Hans Leyendecker und Frederik Obermaier

Auch amerikanische Agenten schätzen offenbar den Filmklassiker "Casablanca", und der oberste US-Geheimdienstchef James Clapper scheint ein wahrer Kenner zu sein. Bei einer Anhörung vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses standen er und NSA-Direktor Keith Alexander gut drei Stunden Rede und Antwort. Clapper hatte dabei gleich die bekannte Filmszene mit dem korrupten Polizeichef Capitaine Louis Renault parat, um seine Gefühle zu beschreiben. Renault hatte sich aufgeregt, was im Nachtclub Rick's Café so lief: "Ich bin schockiert - schockiert, dass hier geheimes Glücksspiel betrieben wird!"

So wie dieser Korrupti, das wollte Clapper bedeuten, sei das mit den Europäern, die sich jetzt über die US-Dienste so aufregten: Heuchler, Lügner, Scheinheilige. Ob die EU jemals die Amerikaner ausspioniert habe, fragte filmreif der Ausschussvorsitzende Mike Rogers, ein flammender Verteidiger der Geheimdienste. Und die Antwort von Alexander fiel entsprechend aus: "Ja." Auch heute? "Meines Wissens: ja." Paranoia, Chuzpe oder Realität? "Armies of Ignorance" hat ein Geheimdienst-Analytiker diese Branche mal genannt. Was ist in dieser Welt Wahrheit, was ist Erfindung? Wer lügt? Wer hat keine Ahnung?

James Jesus Angleton, einst Spionageabwehrchef der CIA, verwendete gern das Bild eines Gedichts von T. S. Eliot um seinen Job zu erklären: "In a wilderness of mirrors". Das ist die Vorstellung einer Spiegelwelt, in der ein schreckliches Bild viele andere schreckliche Bilder reflektiert.

Nie da gewesener Blick in das Innenleben der US-Geheimdienste

Das Material des Whistleblowers Edward Snowden ist zweifelsohne ein Schatz. Über viele Monate, soviel weiß man heute, hat der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Datei um Datei von den Servern der NSA geladen: Interne Schulungsunterlagen, Statistiken, Auswertungen - sie gewähren einen nie da gewesenen Blick in das Innenleben der Geheimdienste Amerikas und ihrer Verbündeter. Sie zeigen ihre Datengier und ihre Skrupellosigkeit gegenüber Freund wie Feind.

Die wenigen Dateien, die bislang bekannt geworden sind, offenbaren aber auch, wie schwer die Informationen zu lesen und vor allem zu verstehen sind. Denn sie bestehen in erster Linie aus Kürzeln, Zahlenreihen, Codes. NSA-Chef Alexander behauptete nun, Journalisten und Snowden würden nicht verstehen, was die Dokumente bedeuteten.

Es hat zweifelsohne Missverständnisse und Irrtümer gegeben: "NSA überwacht 500 Millionen Verbindungen in Deutschland", schrieb der Spiegel. Die "Datensammelstellen" in Deutschland, berichtete das Magazin, trügen die Codes US-987LA und US-987LB. Von flächendeckender Überwachung war die Rede - was Kanzleramtsminister Pofalla und Innenminister Friedrich prompt zurückwiesen.

US-987LA und US-987LB, so stellte sich heraus, sind nichts anderes als die BND-Anlage Bad Aibling und die Fernmeldeaufklärung in Afghanistan. Die Frage, welche deutschen Daten Amerikaner bei Telekommunikationsunternehmen und Glasfaserkabeln außerhalb Deutschlands abgreifen, war damit zwar nicht beantwortet, die Affäre jedoch beendet - zumindest für Pofalla.