Präsidentschaftskandidat Vitali Klitschko Boxer mit politischen Ambitionen

Jetzt erst recht: Trotz Einschüchterungsversuchen der Regierung will Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko Präsident in der Ukraine werden und das Land näher an den Westen heranführen. Allerdings muss er sich auf einen harten Kampf einstellen. Regeln wie im Boxen gibt es in der ukrainischen Politik nicht.

Von Frank Nienhuysen

Er ist wirklich nicht zu übersehen, so wie er dasteht am Rednerpult des Kiewer Parlaments, einen knallroten Pulli mit weißer Aufschrift über den muskulösen Oberkörper gespannt. Vitali Klitschko muss ihn für diesen Moment extra übergezogen haben, denn hellblaue Hemdkragen lugen darunter hervor und eine schräg gestreifte Krawatte. "Die Ukraine für Europa", steht auf dem Pullover. Es liest sich so harmlos, aber für Klitschko ist das ein politisches Manifest. Er will sein Land geradewegs in den Westen führen, aufhören mit dem Tänzeln zwischen Russland und Europa.

Eine zweite Botschaft schob er gleich hinterher: "Alles, was heute im Parlament geschehen ist, schüchtert mich nicht ein und kann mich nicht stoppen. Ich erkläre: Ich werde für das Amt des Präsidenten kandidieren."

Gerade eben hatte das Parlament versucht, den Boxweltmeister mit einem listigen Verfassungszusatz zum Steuerrecht zu Fall zu bringen. Klitschko ist ukrainischer Staatsbürger und Abgeordneter, hat aber auch einen ständigen Wohnsitz in Deutschland. Nach dem kleinen Eingriff in das Gesetzeswerk könnten seine Gegner nun spitzfindig argumentieren, dass Klitschko gar nicht Einwohner der Ukraine sei - und damit auch nicht wählbar für das höchste Amt im Staate.

Klitschko braucht Unterstützer

Klitschko wittert "einen politischen Kontext", um ihn aus dem Kampf für die Wahl 2015 herauszunehmen. Aber das hat der 42-Jährige gelernt in seiner langen Karriere als Sportler: standhaft zu sein, zäh, nie aufzugeben - auch in der Politik. Vor sieben Jahren wollte Klitschko Oberbürgermeister von Kiew werden, bestärkt durch seinen Status als ukrainischer Nationalheld. Aber das Regime, das er bekämpfen wollte, bremste ihn, gab ihm für Auftritte nur kleine Hallen, obwohl er große mühelos gefüllt hätte. Klitschko verlor und ging dann erst mal wieder in den Ring.

Aber er wusste natürlich, dass seine Zeit als Sportler endlich ist und in der Politik noch neue Ziele liegen. Er hat ja die Welt bereist, kennt Europa gut, Deutschland bestens, und deshalb will er die Ukraine endlich auch so sehen: demokratisch, tolerant, wohlhabend; weniger korrupt, willkürlich, autoritär. Dass die frühere Regierungschefin Julia Timoschenko aus offensichtlich politischen Gründen hinter Gittern sitzt, reizt ihn nur noch mehr, Präsident Viktor Janukowitsch zu besiegen. Aber dafür muss Vitali, der ältere der beiden Klitschko-Brüder, noch einige Runden überstehen.

Neulich hatte er der SZ gesagt, er wolle nur als gemeinsamer Kandidat einer vereinten Opposition antreten. Aber so lange wollte er dann wohl doch nicht warten. Den Rückhalt seiner Partei Udar (Schlag), für die er im Parlament sitzt, hat er natürlich. Doch jetzt muss er die ukrainische Nation hinter sich bringen, und zwar nicht für einen Weltmeistergürtel, das wäre ja leicht. "Die ukrainische Politik kennt keine Regeln", sagt er bitter und schmunzelt doch bei diesem Vergleich - "es ist nicht wie beim Boxen".