Polygamie in Kenia Sie müssen noch nicht einmal fragen

Ein kenianisches Hochzeitspaar in Nairobi: Wenn der Ehemann sich noch eine weitere Frau nehmen will, muss er nun nicht einmal mehr die Zustimmung der Erstfrau einholen.

(Foto: AFP)

In Kenia ist die Vielehe ab sofort offiziell erlaubt - für Männer. Das stört die Frauen des Landes weniger. Erbost sind sie über einige Änderungen in dem Gesetz, die die männliche Übermacht im Parlament durchgeboxt hat.

Von Isabel Pfaff

85 Frauen sitzen im kenianischen Parlament, und 332 Männer. Was für Folgen ein so geringer Frauenanteil für die Gesellschaft haben kann, hat sich am Ende dieser Woche gezeigt.

Das Parlament verabschiedete ein Gesetz, das es Männern erlaubt, beliebig viele Frauen zu heiraten - Polygamie also. Oder genauer: Polygynie. Denn der umgekehrte Fall - eine Frau, mehrere Männer - ist im Gesetz nicht vorgesehen. Dem Votum waren hitzige Diskussionen vorangegangen. Lokale Medien berichteten, dass die anwesenden weiblichen Abgeordneten das Plenum aus Protest verließen. Mit den Stimmen der männlichen Mehrheit ging der Gesetzesentwurf schließlich durch.

Das Interessante daran: Nicht die Vielehe an sich erregte die Gemüter der Parlamentarierinnen. Polygynie war auch vorher weit verbreitet und durch die vielschichte Rechtslage im Land nicht verboten. In Kenia gelten parallel zum Richterrecht auch verschiedene gewohnheitsrechtliche oder religiöse Normen. In der muslimischen Küstenbevölkerung beispielsweise sind Vielehen seit Jahrhunderten üblich.

Die Zustimmung der Erstfrau ist nicht nötig

Die Kritik der Politikerinnen bezieht sich vielmehr auf die Änderungen, die ihre männlichen Kollegen dem Gesetz verpasst haben: Die Abgeordneten strichen nämlich das Vetorecht, das der Entwurf den Ehefrauen ursprünglich einräumte. Männer in Kenia können sich also die nächste Frau nehmen, ohne ihre bisherige Gattin um Zustimmung zu fragen.

Solch eine Entscheidung habe aber Auswirkungen auf die gesamte Familie, argumentieren die Gegnerinnen der Klausel. Eine zusätzliche Ehefrau verändere die finanzielle Situation für vorherige Partnerinnen und ihre Kinder erheblich. Es gehe aber auch um Eigentum und Erbschaft: Viele Frauen erben nach dem Tod eines polygam lebenden Mannes wenig oder nichts.

Dabei sollte das Gesetz dazu beitragen, Frauen und Kinder in Ehen besser zu schützen. Nicht nur mithilfe des Vetorechts: Wie die BBC berichtet, sollten Frauen mit dem Gesetz gleiche Eigentums- und Erbschaftsrechte erhalten wie Männer. Auch diese Klausel verwässerten die Parlamentsmitglieder. Nur 30 Prozent des ehelichen Eigentums steht verwitweten Frauen zu.

Ist das Afrika?

Die männlichen Abgeordneten hatten sich über alle Parteigrenzen hinweg verbündet, um das Gesetz umzugestalten. Die verabschiedete Version würde ohnehin nur das festschreiben, was im Gewohnheitsrecht praktiziert werde, sagte der Vorsitzende des Justizausschusses, Samuel Chepkong'a, der Zeitung Daily Nation. Auch der Abgeordnete Junet Mohammed verteidigte das Votum. "Wenn man eine afrikanische Frau heiratet, muss sie wissen, dass eine zweite und dritte folgen wird", sagte er dem Radiosender Capital FM. "Das ist Afrika."

Doch so simpel ist die Realität der 54 Länder auf dem afrikanischen Kontinent nicht. Anthropologen zufolge haben Frauen in polygynen Ehen sehr wohl gewisse Mitspracherechte, auch in Kenia. Ganz zu schweigen von den wenigen Kulturen Afrikas, die das umgekehrte Modell praktizieren: Ehen mit einer Frau und mehreren Männern.

Die Abgeordneten haben es durch die schieren Kräfteverhältnisse in Kenias Parlament geschafft, eine Ordnung durchzusetzen, die Frauen in Ehefragen weiterhin benachteiligt. Mit den Instrumenten des modernen Rechtsstaats haben sie eine Rechtslage geschaffen, die noch patriarchaler daherkommt als die alte Ordnung.

Das letzte Wort aber hat Präsident Uhuru Kenyatta. Er muss das Gesetz noch unterzeichnen, bevor es in Kraft tritt.