"Bild"-Berichterstattung De Maizière zu stalken, schadet der Demokratie

Innenminister Thomas de Maizière macht Urlaub und wird dabei von der "Bild"-Zeitung gestalkt.

(Foto: AP)

Man darf und soll Politiker kritisieren. Es darf auch scharfe Kritik sein. Wer sie an den Pranger stellt, weil sie ein paar Tage frei nehmen, wie das die "Bild"-Zeitung mit Thomas de Maizière tat, betreibt Anti-Aufklärung.

Kommentar von Detlef Esslinger

Die Fahrt von Politikern in den Urlaub gehört zu den Dingen, die in Deutschland latent als unschicklich gelten. Politiker haben nach Meinung der im Wirtshaus, bei Facebook und in der Redaktion der Bild-Zeitung versammelten Trolle gefälligst nach Afghanistan und nach Brüssel zu reisen, aber nicht nach Mallorca.

Das Mindeste, was die Trolle von Politikern erwarten, ist, den Urlaub abzubrechen, sobald es einen Grund dafür gibt; sei dies eine Rettungsschirm-Debatte, eine Meisterfeier oder eine Flüchtlingskrise. "Tausende freiwillige Helfer und Landräte im Dauereinsatz, nur einer flüchtete in diesen dramatischen Tagen in den Urlaub", schrieb Bild am Montag über Innenminister Thomas de Maizière.

"Bild", de Maizière und ein Schinkenteller auf Mallorca

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Vorurteile gegen Politiker sind ohnehin turmhoch

Die Gesellschaft befindet sich in einem Zustand anschwellender Nervosität. Viele Menschen haben den Eindruck, als türme sich derzeit eine Krise auf die andere: Eurokrise auf Finanzkrise, Ukrainekrise auf Eurokrise, Flüchtlingskrise auf Ukrainekrise.

Vorurteile gegen Politiker nehmen nur deshalb kaum zu, weil sie ohnehin turmhoch sind. Mancher mag es als opportunistisch oder kleinmütig empfinden, wenn Horst Seehofer jetzt immer sagt, entweder "die Politik" setze der Zuwanderung Grenzen, oder das Volk "der Politik". In dieser Diktion des bayerischen Ministerpräsidenten kommt aber noch etwas anderes zum Ausdruck: die Furcht, dass die gewählten, demokratischen Politiker eines nicht mehr fernen Tages den Mantel der Legitimität verlieren.

Zwei stalkende Reporter am Frühstückstisch von de Maizière

Es wäre dies eigentlich die Zeit zur Verteidigung der Demokratie und ihrer Repräsentanten. Es wäre die Zeit, den Menschen fortwährend zu erklären, dass hier niemand im Besitz eines Masterplans sein, dass alles Tun nur dem Prinzip Versuch & Irrtum folgen kann.

Es wäre die Zeit, den Hochleistungssport zumindest wahrzunehmen, dem sich Bürgermeister, Landräte, Minister und die Kanzlerin seit Monaten aussetzen. Schon physisch erbringen sie eine Leistung, für die die allerwenigsten Menschen gebaut sind.

Das bedeutet nicht, Ergebenheitsadressen schreiben zu sollen. Es hält die Demokratie am Laufen, wenn man zum Beispiel die Flüchtlingspolitik von Thomas de Maizière mit Argumenten kritisiert. Aber wer ihm zwei sich Reporter nennende Stalker an den Frühstückstisch nach Mallorca schickt, die so tun, als sei es bereits empörend, dass der Minister einige Tage lang versucht, den Kopf freizubekommen, bevor er wieder in seine 18-Stunden-Tage taucht - der macht nichts anderes, als sich in das Zersetzungswerk all jener einzuklinken, die mit der Demokratie auf irgendeine diffuse Weise abgeschlossen haben.

Béla Anda war Regierungssprecher von Gerhard Schröder, nun wirft er als Mitglied der Bild-Chefredaktion im begleitenden Kommentar dem Minister vor, "mallorcasonnengebräunt" zu agieren.

Kaum ein anderer aktiver Journalist weiß so sehr aus eigenem Erleben, wie fordernd der Politikbetrieb ist. Das waren schon immer die Infamsten: diejenigen, die wider besseres Wissen Anti-Aufklärung betreiben.