Philosoph Will Kymlicka "Tiere sind nicht unsere Sklaven"

Ferkel in einer Schweinezuchtanlage in Mecklenburg-Vorpommern. Der Philosoph Kymlicka sagt: Wir haben kein Recht, diese Wesen zu töten.

(Foto: dpa)

Wir dürfen Tiere nur zur Selbstverteidigung töten, sagt der Philosoph Will Kymlicka. Die geltenden Tierrechte gehen ihm nicht weit genug - er fordert Bürgerrechte für alle Lebewesen, die Schmerzen spüren.

Von Karin Janker

Das Tier sei ein politisches Wesen, sagt der Philosoph Will Kymlicka, und damit Träger unverletzlicher Rechte. Wir sollten Tiere als unsere Mitbürger betrachten. Kymlickas Theorie der Tierrechte klingt radikal, vergleicht man sie mit unserem heutigen Umgang mit Tieren. Der Wissenschaftler sagt, dass Nutztiere wie Schweine und Rinder nicht nur ein Recht auf eine "humane Behandlung" und genügend Freilauf haben, sondern auch Staatsbürgerrechte. Diese Forderung ist nicht nur für überzeugte Fleischesser schwer zu schlucken. Auch vegan zu leben sei nur ein Schritt in die richtige Richtung, dem weitere folgen müssten, sagt Kymlicka.

SZ: Herr Kymlicka, was hatten Sie gestern zum Abendessen?

Will Kymlicka: Oh, meine Frau und ich waren bei unserem Lieblings-Japaner und hatten unser übliches veganes Menü dort.

Sie leben seit 20 Jahren vegan und rufen in Ihrem Buch "Zoopolis" dazu auf, Tiere nicht zu verspeisen, sondern ihr Recht auf Leben zu respektieren. Warum sollten die Menschen plötzlich darauf verzichten, Fleisch zu essen?

Wir haben ganz einfach kein Recht, Tiere zu töten. Eine Ausnahme ist lediglich der Fall der Selbstverteidigung, wenn wir in tödlicher Gefahr sind - etwa, weil uns ein Tiger angreift.

Zur Person

Will Kymlicka ist Politikwissenschaftler und Philosoph. Derzeit lehrt er als Professor für Politische Philosophie an der Queen's University im kanadischen Kingston. Kymlicka war außerdem als Berater der kanadischen Regierung tätig. Berühmt wurde er durch seine Arbeiten zum Thema Multikulturalismus. Sein Buch "Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte", das er zusammen mit Sue Donaldson verfasst hat, erschien auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag.

Was ist mit Hunger? Zählt der nicht als Argument?

Wir sind nicht Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel. Wir müssen uns fragen, ob unsere heutige Gesellschaft die Möglichkeit hat, ihre Mitglieder zu ernähren, ohne Tiere zu töten. Und diese Frage ist eindeutig mit Ja zu beantworten. Tiere sind nicht unsere Sklaven, sie sind empfindsame Wesen, die Schmerzen spüren. Und die sollten wir ihnen ersparen.

Tatsächlich scheint ein Umdenken stattzufinden: In Deutschland steigt der Anteil der Vegetarier stetig, vegan zu leben ist schick. Es wächst das Bewusstsein, dass wir Tieren ein artgerechtes Leben ermöglichen sollten. Trotzdem schreiben Sie, dass die Tierschutzorganisationen versagt haben.

Wir stehen vor einem Paradox: Einerseits zeigen Umfragen, dass die Frage nach unserem Verhältnis zu Tieren auf immer größeres öffentliches Interesse stößt. Andererseits behandeln wir Tiere heute schlimmer als jemals zuvor. Und es wird sogar weiter daran geforscht, wie wir sie durch genetische Manipulation noch stärker ausbeuten können. Aber Tiere sind keine Protein-Fabriken. Unsere Gesetze zum Tierschutz sind viel zu schwach und Tierschutzorganisationen kümmern sich noch immer lieber um Zirkustiere als um vermeintliche 'Nutztiere'.

Vielleicht weil insbesondere hinter der Massentierhaltung ein großes wirtschaftliches Interesse steckt, gegen das Tierschützer kaum ankommen.

Genauso ist es. Aber das moralische Argument bleibt: Tiere sind keine Ressourcen, über die wir einfach so verfügen dürfen. Hier greift Kants kategorischer Imperativ.

Dieses ethische Prinzip besagt, dass Menschen als Selbstzweck und nicht als Mittel zu einem anderen Zweck behandelt werden dürfen.

Diese Regel gilt nach meiner Auffassung nicht nur für Menschen, sondern auch für andere Lebewesen, die empfindungsfähig sind.