Philosoph über Euro-Rettung Nur Phantasten glauben noch an das heutige Europa

Europa war schon moralisch bankrott, bevor es finanziell bergab ging. Viele selbsterklärte Realisten verkaufen Bestehendes als alternativlos - selbst wenn der Karren aus der Kurve fliegt. In der EU muss aber nicht alles so bleiben, wie es mal gedacht war.

Ein Gastbeitrag von Richard David Precht

Ach, Europa. Das sagte schon Hans Magnus Enzensberger seufzend in den achtziger Jahren; vor vier Jahren hat es Jürgen Habermas wiederholt. "Ach, Europa!" So möchte man wieder rufen angesichts der deutschen Reaktion auf den Plan, den künftigen Euro-Rettungsschirm ESM mit einer Banklizenz auszustatten, um den privaten Banken ihr liebstes Spekulationsspielzeug wegzunehmen: die Finanzierung der europäischen Staaten.

Der Philosoph Richard David Precht, 47, ist Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher und Honorarprofessor in Lüneburg.

(Foto: dapd)

Zwar ist, was EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag verkündet hat, noch immer nicht der notwendige Durchbruch. Aber der Gedanke, die privaten Kreditinstitute in Zukunft außen vor zu lassen, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Und wie reagiert die Bundesregierung? "Inflationsgefahr" stammeln die Banker, und Rainer Brüderle schließt sich mit den Lobbys kurz. Der Liberale warnt vor der "Inflationsmaschine" und der "Vermögensvernichtungswaffe". Was Brüderle damit unterstellt, ist: Wenn erst einmal Politiker im Gouverneursrat für die Staatsfinanzierung verantwortlich sind, wird die Geldpolitik leichtfertig. Als wäre die bisherige Praxis der Staatsfinanzierung über private Kreditinstitute stets verantwortungsbewusst gewesen.

Alles soll so bleiben, wie es einmal gedacht war?

Die Erregung des Ministers und des ganzen Kabinetts erscheint gleichwohl nicht gespielt. Was für ein Europa wäre das, wenn die Banken außen vor blieben? Ein anderes Europa auf jeden Fall als das wenig soziale Marktwirtschaftseuropa, das bisher, allen Festreden zum Trotz, das einzige Europa ist, das wirklich zählt.

Nein, die Idee, Staatshaushalte von der Geißel des Spekulationsgeschäfts zu befreien, passt nicht in den Geist des alten Europas. Da muss nun der Begriff "Inflation" als Angstmacher herhalten, obwohl nahezu alle EU-Staaten, einschließlich Deutschlands, sich insgeheim eine sanfte Inflation dringlich wünschen, um ihre enorme Verschuldung abzuschmelzen.

Was dabei besonders perfide ist: Wer gegenwärtig über alternative Ideen für ein zeitgemäßes Europa nachdenkt, wer Europa den sich verändernden politischen, kulturellen und ökonomischen Nöten und Notwendigkeiten anzupassen sucht, erscheint schnell als Feind der europäischen Idee. "Unter keinen Umständen darf mit der Axt des schnellen Wortes eingerissen werden, was über Jahrzehnte lang in Europa aufgebaut wurde", mahnte Außenminister Guido Westerwelle.

Alles soll bleiben, wie es einmal gedacht war, heißt das, versteckt in der Formulierung, dass nun "alle an einem Strang ziehen" sollen. Doch wer beurteilt, was die Axt des schnellen Wortes ist? Könnte es nicht auch die Kraft des besseren Konzeptes sein?