Ostukraine Mehr als 200 000 Ukrainer auf der Flucht

Ostukraine: Nahe der Absturzstelle des Passagierfluges MH17 liegt ein zerfetztes Wrackteil.

(Foto: REUTERS)

+++ UN-Bericht: Etwa 230 000 Ukrainer sind geflohen +++ Niederlande und Australien planen Militäreinsatz zur Sicherung der Absturzstelle +++ Russische Truppen sollen den USA zufolge angeblich mit Artillerie auf ukrainisches Gebiet gefeuert haben +++

  • Laut einem UN-Bericht sind schätzungsweise 230 000 Menschen aus der Ukraine geflohen.
  • Niederlande und Australien planen bewaffneten Einsatz an Absturzstelle.
  • In der Ukraine-Krise erheben die USA schwere Vorwürfe gegen Russland: Russische Truppen sollen mit Artillerie auf ukrainisches Gebiet feuern.
  • Eine Woche nach dem Absturz des Linienflugs MH17 finden Ermittler mehr Leichen und Trümmer, die auf Raketenbeschuss hinweisen.
  • Human Rights Watch wirft der Kiewer Regierung vor, den Tod von Zivilisten in Kauf genommen zu haben.

UN: Etwa 230 000 aus der Ukraine geflohen

Immer mehr Menschen verlassen wegen der Krise in der Ukraine das Land. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mittlerweile etwa 230 000 Menschen zu Flüchtlingen geworden. Etwa 130 000 Ukrainer seien vor den Kämpfen nach Russland geflohen. Fast 100 000 weitere Menschen hätten ihr Zuhause verlassen und seien nun Binnenflüchtlinge. Die Zahl der Flüchtlinge aus den umkämpften Regionen Donezk und Lugansk sei seit Anfang Juni deutlich angestiegen, sagte ein UNHCR-Sprecher, Ende Juni hatte die Zahl der Flüchtlinge noch bei etwa 164 000 gelegen.

Niederlande und Australien planen bewaffnete Sicherung der Absturzstelle

Die Niederlande schließen einen bewaffneten Militäreinsatz zur Sicherung der Absturzstelle von Flug MH17 in der Ostukraine nicht aus. Nötig sei aber die Zustimmung der Regierung in Kiew wie auch der prorussischen Separatisten in der umkämpften Region, sagte Ministerpräsident Mark Rutte in Den Haag. Über einen Militäreinsatz werde die Regierung am Wochenende entscheiden, sagte Rutte. Am Vortag hatte er gefordert, eine internationale Polizeitruppe solle die Absturzstelle sichern.

Australien hat für einen eventuellen Schutz internationaler Experten bereits fast 200 Polizisten an der Absturzstelle von Flug MH17 abgestellt Das sagte Premier Tony Abbot am Freitag, wie der Sender ABC berichtete. 90 Beamte, die bereits in Europa auf ihren Einsatz warten, sollen durch weitere 100 Mann verstärkt werden. Wegen Schwierigkeiten und Behinderungen bei der Arbeit der internationalen Experten am Absturzort, der sich tief im Gebiet der prorussischen Separatisten befindet, war der Ruf nach einer internationalen Polizeitruppe laut geworden.

Die Separatisten schlossen eine Polizeitruppe nicht kategorisch aus. "Wenn sich Malaysia, Australien oder die Niederlande an uns wenden, werden wir den Vorschlag natürlich prüfen", sagte Sergej Kawtaradse von der "Volkswehr" in Donezk.

"Plötzlich fühlte sich das alles unglaublich nah an"

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USA: Russische Truppen haben auf ukrainisches Gebiet gefeuert

Die US-Regierung verfügt nach eigenen Angaben über Beweise dafür, dass Russlands Truppen von russischem Territorium aus ukrainische Armeestellungen mit Artillerie beschießen. Moskau plane zudem, weitere Raketenwerfer an die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine zu liefern, sagte die stellvertretende Sprecherin des US-Außenministeriums, Marie Harf. Sie berief sich auf "Geheimdienstinformationen".

Aus dem US-Verteidigungsministerium verlautet, dass Russland seine Truppen an der Grenze zur Ukraine zuletzt verstärkt habe. In den vergangenen Wochen habe die russische Armee jede Woche ein neues Bataillon ins Grenzgebiet verlegt und die Truppenstärke so auf 15 000 Soldaten erhöht. "Es sieht wie ein stetiger Aufbau aus", heißt es aus dem Pentagon. Nach US-Angaben bringt Russland zudem militärische Ausrüstung auf einen nahe Rostow eingerichteten Stützpunkt. Anschließend werde das Material dann zu den Separatisten in der Ukraine transportiert.

Ermittler finden neue MH17-Wrackteile und Leichen

Mehr als eine Woche nach dem Absturz des Malaysia-Airlines-Flugzeugs in der Ostukraine haben Ermittler nach australischen Medienberichten ein neues großes Wrackteil sowie weitere Leichen gefunden. Bei dem Wrackteil handelt es sich demnach um ein Teil des Rumpfes, in dem Sitze und Fenster noch intakt waren, berichteten der Fernsehsender ABC und die Zeitung Sydney Morning Herald.

Die malaysischen Ermittler am Absturzort gehen nach OSZE-Angaben von einem Raketentreffer aus. Dafür sprächen stark durchlöcherte Wrackteile, sagte Michael Bociurkiw von der Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im ZDF.

Kiew gerät wegen möglicher Kriegsverbrechen unter Druck

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat ukrainischen Truppen und Milizen vorgeworfen, bei Raketenangriffen auf bewohnte Gebiete im Osten des Landes mindestens 16 Zivilisten getötet zu haben. Die mindestens vier Angriffe seien zwischen dem 12. und 21. Juli im Gebiet der Großstadt Donezk erfolgt, erklärte die Organisation. (Lesen Sie hier den kompletten Bericht.)

Dabei seien vergleichsweise zielungenaue Raketen vom Typ Grad eingesetzt worden. Dies verstoße gegen internationales humanitäres Recht und könne als Kriegsverbrechen geahndet werden. Auch die bewaffneten Gegner der Kiewer Regierung setzen HRW zufolge Grad-Raketen ein. Die Organisation rief die Konfliktparteien auf, sofort auf den Einsatz dieser Waffen in Siedlungsgebieten zu verzichten. Die Wahrscheinlichkeit, Zivilisten zu töten und zu verletzen sei hoch. Die Grad-Raketen stammen ursprünglich aus sowjetischer Produktion und werden auch Katjuschas genannt. Im Kampf gegen Hitlers Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg setzte die Sowjetunion viele dieser Raketen ein.

EU berät über Sanktionen

Im Konflikt mit Russland um die Ukraine setzt die Europäische Union am Freitag ihre Beratungen über Sanktionen gegen die russische Wirtschaft fort. Dazu kommen die Botschafter der 28 EU-Staaten in Brüssel zusammen. Sie haben bereits am Donnerstag ein Paket von Strafmaßnahmen als Reaktion auf den Abschuss des Flugs MH17 über der Ostukraine diskutiert.

Von der EU-Kommission ausgearbeitete Vorschläge sehen unter anderem die Einschränkung von Rüstungsgeschäften und des Handels mit Schlüsseltechnologie im Energiesektor vor. Außerdem könnte für russische Unternehmen der Zugang zu den europäischen Finanzmärkten blockiert werden. Am Nachmittag sollen zudem im EU-Amtsblatt die Namen von weiteren Einzelpersonen, Firmen und Institutionen veröffentlicht werden, gegen die am Donnerstag Strafmaßnahmen verhängt wurden.

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