Nach dem Verfassungsreferendum USA und EU rufen Ägypter zu Versöhnung auf

Der ideologische Kampf in Ägypten geht auch nach dem Verfassungsreferendum weiter. Während die EU und die USA die verfeindeten Lager zur Versöhnung aufrufen, kündigt die Opposition an, weiter gegen die islamisch geprägte Verfassung anzugehen - und bezweifelt die Gültigkeit des Votums.

Sie war und ist umstritten, nun haben die ägyptischen Wähler die islamisch geprägte Verfassung nach offiziellen Angabe angenommen. Prompt kündigte die Opposition an, ihren Kampf gegen die Verfassung fortzusetzen. Das Land gilt als tief gespalten - auf der einen Seite die Muslimbrüder, auf der anderen die Opposition.

Nach dem Sieg für die islamistische Muslimbruderschaft haben die USA und die Europäische Union die verfeindeten Lager zur Versöhnung aufgerufen.

Es sei nun an der Zeit für Kompromisse, hieß es aus dem US-Außenministerium. "Präsident Mursi hat als der demokratisch gewählte Führer Ägyptens eine besondere Verantwortung, Brücken zu bauen, Vertrauen zu schaffen und um mehr Unterstützung für den politischen Prozess zu werben", sagte der stellvertretende Sprecher des Außenministeriums in Washington, Patrick Ventrell am vergangenen Dienstag. Dem Tag, an dem das offizielle Wahlergebnis verkündet wurde.

"Wir hoffen, dass die von dem Ergebnis enttäuschten Ägypter sich noch stärker einbringen". Das Land brauche "eine starke Regierung, um die vielen Herausforderungen zu meistern."

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte alle Seiten zum Dialog auf. Am vergangenen Dienstag sagte sie in Brüssel, dass sie zur Kenntnis nehme, dass eine Mehrheit für die Vorlage gestimmt habe. "Ich nehme aber auch zur Kenntnis, dass die Wahlbeteiligung bei 33 Prozent lag." Es sei notwendig, in Ägypten weiteren Konsens zu schaffen.

Es müsse weitere Fortschritte in Richtung einer "tief verankerten und nachhaltigen Demokratie" geben. "Ich appelliere an alle Seiten, vor allem an den Präsidenten, in dieser Hinsicht die Anstrengungen noch zu verstärken."

Nach Angaben der Wahlkommission wurde der islamistisch geprägte Verfassungsentwurf mit 63,8 Prozent gebilligt. Die heftig umstrittene Vorlage räumt nach Ansicht von Kritikern den Islamisten einen deutlich größeren Einfluss etwa bei der Gesetzgebung ein und beschneidet die Rechte von Frauen und Minderheiten. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Zehntausende Menschen gegen den Entwurf auf die Straße gegangen.

Mit der Annahme der Verfassung würden die Ägypter fortfahren, dem Rest der Welt "eine Lehre zu erteilen", erklärte der Vorsitzende der Muslimbruderschaft, Mohammed Badie,via Twitter. "Lasst uns alle beginnen, am Wiederaufbau unseres Landes mit freiem Willen, guten Absichten und Entschlossenheit mitzuwirken - Männer, Frauen, Muslime und Christen", hieß es weiter.

Unterdessen kündigte mit Kommunikationsminister Hani Mahmud ein weiteres Kabinettsmitglied seinen Rücktritt an. Er habe bereits vor über einem Monat sein Amt niederlegen wollen, weil er sich nicht an die "Kultur der Regierungsarbeit" habe gewöhnen können, teilte Mahmud über den Kurzbotschaftendienst Twitter mit.

Am vergangenen Samstag hatte bereits Vizepräsident Mahmud Mekki, ein angesehener Richter, sein Amt niedergelegt. Widersprüchliche Angaben gab es zudem über einen Rücktritt von Zentralbankgouverneur Faruk el Okda.

Es wird nun erwartet, dass Präsident Mohammed Mursi binnen zwei Monaten zur Neuwahl des Parlaments aufruft. Experten gehen davon aus, dass dabei ebenfalls islamistische Kräfte die Oberhand behalten werden.

Die Opposition zog abermals die Gültigkeit des Votums in Zweifel. "Wegen der geringen Wahlbeteiligung sind wir der Meinung, dass dies nicht die Verfassung ist, auf die das ägyptische Volk gehofft hat", sagte der Sprecher der Nationalen Heilsfront, Chaled Dawud. "Dies ist keine Verfassung, die lange überdauern wird." Er kündigte für den anstehenden Wahlkampf weiteren Widerstand gegen die Verfassung an.

Der Chef der Wahlkommission, Richter Samir Abu al Maati, wies Kritik zurück, das Referendum sei nur unzureichend von der Justiz überwacht worden. "Wir haben alle Beschwerden ernsthaft geprüft", sagte al Maati. Die ägyptische Opposition hatte zuvor erhebliche Zweifel am fairen Ablauf der Abstimmung angemeldet und eine unabhängige Untersuchung gefordert.

Mursi rief bereits für diesen Mittwoch das Oberhaus des Parlaments, den Schura-Rat, zusammen. Am vergangenen Sonntag hatte der Staatschef 90 weitere Mitglieder des von den Islamisten dominierten Rats ernannt, darunter mindestens 30 Islamisten und ein Dutzend Christen. Der Schura-Rat hat nun 270 Mitglieder, zwei Drittel von ihnen wurden gewählt.

Die neue Verfassung sieht vor, dass das Gremium bis zur Wahl eines Unterhauses in den kommenden zwei Monaten die gesetzgebende Gewalt am Nil ausübt. Seit der Auflösung des Parlaments durch ein Gericht im Juni hatte der Präsident die Gesetzgebung inne.

Der Oberste Gerichtshof des Landes soll nach einem Bericht des Fernsehsenders Sender Al-Dschasira neu besetzt und die Zahl seiner Mitglieder von 19 auf zehn verringert werden. Mursi wolle den neuen Vorsitzenden des Gremiums in Kürze bekannt geben.