Österreichs "Anschluss" an Nazi-Deutschland Habsburg holt Opferthese aus der Mottenkiste

Unmittelbar vor dem Jahrstag des Anschlusses vertritt Kaisersohn Otto von Habsburg die längst widerlegte These, das Land sei Hitlers erstes Opfer gewesen - Österreich reagiert gespalten.

Am Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an Nazi-Deutschland schlagen Äußerungen Otto von Habsburgs hohe Wellen.

Otto von Habsburg während seiner Rede

(Foto: Foto: Reuters)

Der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers hatte bei einer Gedenkveranstaltung der konservativen Volkspartei ÖVP am Montag Österreich als erstes Opfer Hitlers bezeichnet. Diese Behauptung gilt unter Historikern als längst überholt - auch wenn sie jahrzehntelang das Selbstverständnis der Alpenrepublik prägte.

Wörtlich hatte Habsburg bei einer Veranstaltung der konservativen Volkspartei gesagt: "Es gibt keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als es Österreich gewesen ist." Die rund 250.000 Menschen, die Hitler am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz zujubelten, verglich Habsburg mit den Besuchern eines Fußballspiels.

Der Beifall der anwesenden Politiker für den greisen Europapolitiker war groß. Später wurde zwar auch Kritik laut, aber eher verhalten.

ÖVP-Fraktionschef Wolfgang Schüssel erlaubte sich, Habsburg mit dem Satz "Es gab auch hausgemachte Fehler, auch Österreicher waren Täter" zu korrigieren.

Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) bezeichnete Habsburgs Aussagen als "untragbar und einen veritablen demokratischen Skandal" und eine Verhöhnung der NS-Opfer.

Der verteidigungspolitische Sprecher der ÖVP, Walter Murauer, nahm von Habsburg, der in Österreich auf das "von" in seinem Familiennamen verzichten muss, in Schutz. Murauer sagte, hinter den Hitler zujubelnden Massen am Heldenplatz habe es "eine zweite, nicht öffentlich sichtbare Wirklichkeit" gegeben.

Habsburg habe auch daran erinnern wollen, dass Österreich von Hitler-Deutschland als Staat ausradiert worden sei und - außer Mexiko - kein Staat der Welt dagegen offiziell Protest eingelegt habe.

Auch in der österreichischen Medienlandschaft blieb das Echo geteilt: Während die konservative Presse von Habsburgs "fulminanter Rede" schrieb und erwähnte, dass er den "autoritären christlich-sozialen Kanzler (Schuschnigg) als einzigen Regierungschef Europas feierte, 'der in der Schlacht gegen Hitler gefallen ist'", kamen vom Standard andere Töne.

Das liberale Blatt nannte Habsburgs Ausführungen "gefährlichen Unsinn" und schrieb weiter, es habe selbstverständlich eine Mitverantwortung der Österreicher am Anschluss gegeben. "Wir dachten, das wäre endgültig geklärt."