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Österreichs Kaiser Franz Joseph I.:Falsche Schlüsse, schwerwiegende Täuschungen

Franz Joseph I.

Franz Joseph I. (1830-1916), Kaiser von Österreich und König von Ungarn.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Schon als junger Kaiser verliert Franz Joseph I. mehrmals auf dem Schlachtfeld. Unfähig zu Reformen steuert er Österreich-Ungarn in den Untergang. Seine Kriegserklärung an Serbien löst den Ersten Weltkrieg aus - dabei wurde er noch kurz zuvor für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Von Martin Anetzberger

Mit Erzherzog Franz Ferdinand starb am 28. Juni 1914 nicht nur der Thronfolger Österreich-Ungarns. Es starb der vehementeste Gegner eines Krieges gegen Serbien innerhalb der österreichischen Führung. Franz Ferdinand sah die Slawen zwar als minderwertig an, doch er befürchtete, dass ein Krieg gegen das kleine Königreich einen viel größeren entfachen könnte - zurecht, wie sich zeigen sollte.

Nach seiner Thronbesteigung wollte er das zerfallende Habsburger-Reich zukunftsfest machen. Den österreichisch-ungarischen Dualismus wollte er durch einen dritten, südslawischen Reichsteil erweitern und den Föderalismus stärken.

Doch die Chance dazu bekam er nicht. Die Kugel eines Bosniers serbischer Abstammung - Gavrilo Princip - zerschlug in Sarajewo die Halsschlagader Franz Ferdinands. Einen Monat später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. So führte ausgerechnet der Tod Franz Ferdinands zu dem Krieg, den er hatte vermeiden wollen.

Das Attentat rückte zum letzten Mal den greisen Herrscher der k.u.k. Doppelmonarchie in den Mittelpunkt, der die Zukunft in der Vergangenheit suchte: Franz Joseph I. "versuchte es nochmals mit einer neoabsolutistischen Rückwende", schreibt der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner. Den neuen Thronfolger, Erzherzog Karl Franz Joseph, band er so wenig wie möglich ein. Von Franz Ferdinands geplanter Reichsreform war nicht mehr die Rede, genauso wenig wie von der baldigen Ablösung des Generalstabschefs Franz Conrad von Hötzendorf - seit jeher ein starker Befürworter eines Kriegs gegen Serbien.

Auch Franz Joseph I. wollte den Krieg, aber "wohl nicht um jeden Preis", wie Rauchensteiner schreibt. Bedrängt von Generalstabschef Conrad - dieser bezeichnete das Attentat als "Kriegserklärung Serbiens an Österreich-Ungarn" - und Außenminister Leopold Berchtold nahm er den Mord aber schließlich zum Anlass. Sein Verhalten in den Tagen bis zum Kriegsausbruch sagt viel über jenen Mann aus, der so lange wie kein anderer Habsburger - von 1848 bis 1916 - auf dem österreichischen Thron saß.

"Ein bisschen Krieg"

Der Blick Franz Josephs I. und seiner Minister war auf einen Krieg gegen Serbien konzentriert. Dabei hätte dem Ministerrat nach einem Vortrag des Generalstabschefs Conrad schon am 7. Juli klar sein müssen, dass es zu einem europäischen Krieg kommen könnte. Rauchensteiner attestiert Wien allerdings "Wunschdenken" und die Vorstellung, "man würde ein bisschen Krieg führen können". In seiner Mitteilung zum Kriegseintritt nannte der österreichische Kaiser als beteiligte Parteien dann tatsächlich nur Serbien und Österreich-Ungarn. Sollte sich Russland als Verbündeter Belgrads in den Konflikt einschalten, setzte die Führung in Wien auf den Schutz des Deutschen Reiches. Dessen Monarch Wilhelm II. hatte seinem Verbündeten Österreich den berüchtigten Blankoscheck ausgestellt.

Franz Joseph I. sah den Konflikt außerdem wohl als letzte Chance, die Macht der Habsburger wieder zu festigen. Der Vielvölkerstaat wankte, ein großer militärischer Sieg sollte die Kräfte bändigen, die das Reich auseinanderzureißen drohten. Rauchensteiner schreibt, "der Umstand der faktischen Unregierbarkeit" des Vielvölkerstaats und "die Hoffnung, dem allen ein Ende setzen zu können", hätten den Entschluss zum Krieg nach sich gezogen. Doch diese Hoffnung erwies sich als Fehleinschätzung des Kaisers - nicht die erste während seiner Regentschaft, aber die schwerwiegendste.

Franz Joseph Karl von Habsburg kam am 18. August 1830 - heute vor 184 Jahren - auf Schloss Schönbrunn zur Welt, als Sohn von Erzherzog Franz Karl und Prinzessin Sophie von Bayern. Die Mutter erzog "Franzi" streng katholisch und von Beginn an "bewusst und planvoll zum Thronfolger", schreibt Joseph Redlich in seiner Biografie von 1929. Er besaß ein "angeborenes Sprachentalent". Spielend lernte er Tschechisch, Ungarisch, Italienisch und Französisch. Großen Wert wurde auch auf die militärische Ausbildung des künftigen Kaisers gelegt, obwohl Redlich ihm eine "Begabung zum Heerführer" absprach. Er sei überhaupt "ohne ganz besonders auffallende höhere Begabung" gewesen. Trotzdem habe Franz Joseph I. sich "vor allem als obersten Kriegsherrn" begriffen.

Nach seiner Krönung am 2. Dezember 1848 inmitten der Wirren der bürgerlichen Revolution stützte sich der junge Kaiser vor allem auf die katholische Kirche und das Militär, um weitere revolutionäre Vorstöße zu verhindern und die ins Wanken geratene Macht der Habsburger wiederherzustellen.

Im Kampf mit den äußeren Feinden waren ihm keine großen Erfolge beschert. Ausgerechnet das Militär bereitete ihm - auch schon vor dem Ersten Weltkrieg - die größten Enttäuschungen. Schon beim ersten Waffengang unter seinem Oberbefehl musste Franz Joseph I. im Jahr 1859 eine schlimme Niederlage hinnehmen. Gegen Frankreich und das Königreich Sardinien hatte sein Heer keine Chance. Er verlor die Lombardei an den sich formierenden Nationalstaat Italien.

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