Obamas Internet-Tüftler Harper Reed Was geschieht mit dem Datenschatz?

Reeds Truppe entwickelte das Programm "The Optimizer", das nicht nur berechnete, zu welcher Zeit und bei welcher Sendung die Kampagne die meisten Zuschauer einer Zielgruppe erreichen konnte - es ermittelte auch, wann die Preise am niedrigsten waren. Weil Obama im Durchschnitt mit 594 Dollar pro Spot ein Zehntel weniger als Romney bezahlte (666 Dollar), konnte der Präsident mehr Clips schalten.

Es entstanden etwa ein effektives One-Click-Spendenprogramm und die Möglichkeit für Obamas Wahlhelfer, den Anhängern via Facebook Informationen zu schicken, welcher ihrer Freunde noch nicht gewählt hatte. Auch wenn sich Messina nach Reeds Aussage oft beschwerte, wie teuer die Entwicklung dieser Werkzeuge war: Nerds und Polit-Strategen haben sich offenbar gut ergänzt.

Obwohl er 2008 ein Wochenende lang als Freiwilliger für Obama aktiv war, bezeichnete sich Harper Reed als eher unpolitischen Menschen. "Ich dachte, der Präsident ist ein cooler Typ", erzählte er The Atlantic. Doch je länger er in der Kampagne mitmachte, umso mehr vertieften sich er und seine Hacker-Kumpel in die Themen - und dachten plötzlich beim Kodieren darüber nach, wie wichtig ein Sieg Obamas wäre, weil er dann liberale Richter an den Obersten Gerichtshof schicken könnte.

Für Romneys Digitalstrategie, die sich auf externe Berater stützte, findet der Ober-Nerd klare Worte: "Sie haben sich selbst überschätzt." Reed ist stolz, dass seine Truppe auf Eventualitäten wie Datenverluste und Systemabstürze vorbereitet war und er keinen Flop wie die groß angekündigte App "Orca" zu verantworten hat - die Konservativen hatten sich davon am Wahltag einen entscheidenden Vorteil versprochen (Details bei Politico).

"Bis 2016 können wir aufholen"

Dass die Republikaner beim Einsatz von Data Mining und modernster Technik weit zurückliegen, ist offensichtlich. "Bis 2016 können wir aufholen, aber ich habe meine Zweifel, dass es uns bis zur nächsten Wahl 2014 gelingen wird", unkt der frühere Santorum-Berater Peter Pasi im Gespräch mit der Washington Post.

Was mit Obamas Datenschatz geschieht, beschäftigt viele in und außerhalb von Washington. 2013 werden etwa die Gouverneure in New Jersey und Virginia gewählt, weshalb mögliche demokratische Kandidaten bereits um Zugriffsrechte betteln. Wahlkampfmanager Jim Messina bleibt eine klare Antwort schuldig: Wegen der Rechtsvorschriften müsse die Kampagne "Obama for America" abgewickelt werden, doch man könnte einen Nachfolger gründen. Zuletzt erhielten alle Anhänger per E-Mail einen Link zu einer Umfrage, in der es unter anderem darum ging, welche Themen sie besonders beschäftigen oder ob sie bereit seien, für ein Amt zu kandidieren.

Michael Slaby, Obamas Innovation Officer, betont in der Washington Post, dass der Datenschatz nur wertvoll bleibe, wenn er aktuell gehalten werde und man den Kontakt zu den Obama-Fans aufrecht erhalte. Es gehe nicht nur ums Micro Targeting, also um die gezielte Ansprache, sondern auch ums Micro Listening, so Slaby: "Wenn ein Wahlhelfer aus dem Gespräch erfahren hat, dass der Bürger Katzen mag, dann hat er das rückgemeldet."

Mobilisiert Obama seine Anhänger nun häufiger?

Es gilt als denkbar, dass Obama seine Daten (allein mindestens 13,5 Millionen E-Mail-Adressen) nutzen wird, um während der zweiten Amtszeit Anhänger für Gesetzesvorhaben zu mobilisieren und Druck auf die Republikaner aufzubauen. Er könnte die Informationen auch der Demokratischen Partei überlassen - oder es findet sich eine neue Organisation, die die von Slaby beschriebenen Aufgaben übernimmt. Bisher gebe es keine Institution, die dafür genug Know-how besitze.

Laut Wall Street Journal hätte diese Variante für Obama den Vorteil, dass er mehr Einfluss bei der Kür des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers 2016 behalten würde. Nun werde sondiert, ob aus den Reihen der Spender genug Geld zusammenkommt, um dieses Vorhaben zu starten.

Harper Reed, der Ober-Nerd aus Chicago, wird bei diesen Planungen keine Rolle mehr spielen. Er will sich wieder aufs Hacken und sein Hobby Jonglieren konzentrieren, mit seiner Frau Hiromi nach Japan reisen und endlich wieder feiern gehen. Konkrete Pläne habe er noch nicht, verriet er dem Tech-Portal Gigaom: "Ich brauche definitiv erst mal eine Pause."

Der Autor twittert unter @matikolb.

Linktipp: Das umfassendste Porträt von Harper Reed ist soeben im Monatsmagazin The Atlantic veröffentlicht worden. Interessant ist auch der Artikel über Reed, der Anfang Oktober bei Mother Jones erschien - da die Kampagne dem Hacker einen Maulkorb erteilte, charakterisierte Tim Murphy Obamas Chef-Nerd anhand der Spuren, die er im Netz hinterlassen hat.