NSU-Prozess 200 000 Mark für den V-Mann

Computer, Handys und ein stattliches Honorar: Der frühere V-Mann und Thüringer Neonazi Tino Brandt offenbart im NSU-Prozess, wie spendabel der Verfassungsschutz ihn versorgte. Erst dadurch hätten seine Kameraden bundesweite Bedeutung erlangt.

Aus dem Gericht berichtet Tanjev Schultz

Im NSU-Prozess werden auch die dunklen Ecken des Rechtsstaats ausgeleuchtet. Der frühere V-Mann und Thüringer Neonazi Tino Brandt gewährt Einblicke in das trübe Treiben des Verfassungsschutzes. Wenn stimmt, was der Zeuge sagt, warnte der Geheimdienst den Spitzel vor Hausdurchsuchungen der Polizei und bezahlte sogar seine Anwaltskosten, wenn ihm eine Verurteilung drohte. Die Beamten belieferten den Verräter, der stets ein überzeugter Rechtsextremist geblieben ist, auch mit einer Antifa-Zeitschrift. So bekam die rechte Szene Informationen über den politischen Gegner frei Haus vom Amt.

Auch sonst, das wird am Mittwoch vor Gericht deutlich, war der Thüringer Verfassungsschutz seinem V-Mann unheimlich behilflich. Insgesamt soll Brandt in den Jahren 1994 bis 2001, in denen er als Spitzel tätig war, etwa 200 000 Mark vom Staat bekommen haben, die genau Summe ist nicht bekannt.

Hohe Honorare des Geheimdiensts

Brandt arbeitete für einen Verlag in Coburg, war aber vor allem in Thüringen aktiv. Die Honorare des Geheimdiensts steigerten sich im Laufe der Zeit und könnten, wie Brandt meint, am Ende höher gewesen sein als das reguläre Gehalt als Verlagskaufmann. Der Verfassungsschutz versorgte seinen Spitzel auch mit Computern und Handys.

Brandt behauptet, er habe das Geld in die politische Arbeit gesteckt und zeitweise sogar Mitgliedsbeiträge von NPD-Leuten sowie Strafbefehle für einen Kameraden bezahlt. Die Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz" hätte "mit Sicherheit nicht die bundesweite Bedeutung und Größe erhalten ohne das Geld des Landesamtes für Verfassungsschutz", sagt Brandt.

Der V-Mann wurde 1998 und in den folgenden Jahren auch für die Suche nach dem verschwundenen Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eingesetzt. Für ihr Auffinden wurde ihm eine Prämie versprochen.

Brandt lieferte etliche Hinweise, die jedoch nicht zur Lokalisierung und Festnahme der Gesuchten führten. Vor allem die Nebenkläger im Prozess treibt die Frage um, ob Brandt, der sogar für das Trio spendete, damals wirklich alles, was er wusste oder hätte wissen können, dem Amt offenbarte. Er sagt: "Eigentlich habe ich versucht, von dem Thema ein Stück weit fern zu bleiben." Angeblich hatte er Angst, als Quelle aufzufliegen und sich selbst zu gefährden, wenn er sich in der Szene zu intensiv erkundigt hätte.

Es gibt Hinweise darauf, dass Neonazis aus Jena, unter ihnen auch der NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt, in den Neunzigerjahren auf einem Grundstück, das Brandt gepachtet hatte, Schießübungen durchführten. Brandt behauptet, davon nichts zu wissen. Er sei nie mit einer Waffe zu sehen gewesen - in Thüringen, wie er spitzfindig einschränkt.

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Im Gericht werden später Fotos gezeigt, die den Neonazi Brandt in Südafrika zeigen, mit einer Waffe. Ja, da sei er zu sehen, sagt der Zeuge. Er sei mal mit einer "Delegation" nach Südafrika gereist, um an einer Gedenkfeier zum Jubiläum der Burenkriege teilzunehmen.

Auch in den USA und in Frankreich nahm Tino Brandt an Schießübungen teil. Ein anderer V-Mann hat behauptet, Brandt habe einen " militärischen Arm" aufbauen wollen. Brandt weist das vor Gericht als "Unsinn" zurück.