NSU-Opfer und Bundespräsident Gauck "Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?"

Bundespräsident Joachim Gauck will Angehörige der NSU-Opfer treffen.

(Foto: dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck trifft diesen Montag Angehörige der Mordopfer der Terrorzelle NSU. Etwa 70 Betroffene werden erwartet. Doch einige lehnten die Einladung ab.

Von Tanjev Schultz

Wenn Bundespräsident Joachim Gauck an diesem Montag die Familien von Opfern der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) trifft, werden einige Angehörige fehlen. Gauck sagte unlängst, er sei sehr interessiert daran, "dass wir den Familien solidarisch beistehen". Doch deren Schmerz sitzt tief, manche fühlen sich dem Treffen nicht gewachsen, oder sie können keinen Sinn darin erkennen.

Aysen Tasköprü, die Schwester eines Mordopfers, lehnte die Einladung ins Schloss Bellevue ab und schrieb einen Brief an Gauck. Darin heißt es: "Ich habe keine Heimat mehr, denn Heimat bedeutet Sicherheit. Seitdem wir wissen, dass mein Bruder ermordet wurde, nur weil er ein Türke war, haben wir Angst." Dem Bundespräsidenten sei ihr Bruder nur wichtig, weil die NSU ein politisches Thema sei, schreibt Tasköprü. "Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?" Helfen könnten nur Taten. Tasköprü kritisiert zudem, dass sich die Angehörigen bei dem Treffen mit Gauck nicht von ihren Anwälten begleiten lassen könnten.

Eine Sprecherin des Bundespräsidenten bedauerte die Absage. Man habe die Angehörigen gebeten, keine Anwälte mitzubringen, damit die Gruppe nicht zu groß werde und der persönliche Charakter des Treffens gewahrt bleibe, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Aus Kreisen der betroffenen Familien und Anwälte ist neben Kritik auch Verständnis für diese Einschränkung zu hören. Etwa 70 Teilnehmer werden zu dem vertraulichen Gespräch im Schloss Bellevue erwartet.

Wichtiger als das Treffen mit Gauck seien seinen Mandanten allerdings Fortschritte bei der Aufklärung des Behördenversagens rund um den NSU, sagte ein Opferanwalt der Süddeutschen Zeitung. Ein anderer sagte, seine in Bayern lebenden Mandanten würden dem Treffen mit dem Bundespräsidenten zwar fernbleiben, denn sie würden sich zu wenig davon versprechen; aber es gehe ihnen keineswegs darum, Gauck und dessen Engagement zu kritisieren.

Dem NSU werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet, außerdem zwei Bombenanschläge mit mehr als 20 Verletzten. Getötet wurden acht Männer mit türkischen und ein Mann mit griechischen Wurzeln sowie eine deutsche Polizistin. Am 17. April beginnt in München der Mordprozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe.

Der Bundespräsident hatte Ende Januar bereits Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages empfangen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will im April oder Mai erneut Angehörige der NSU-Opfer treffen. Bei einer Gedenkfeier hatte sich Merkel im vergangenen Jahr bei den Familien wegen jahrelanger falscher Verdächtigungen durch die Polizei entschuldigt.