NSU-Ermittlungen Berliner Polizei soll V-Mann-Infos für sich behalten haben

Die Thüringer Polizei ist verärgert über die Berliner Kollegen. Diese sollen wichtige Hinweise eines Informanten nicht weitergegeben haben. Das habe zu Ermittlungspannen geführt, die den Thüringer Beamten zu Unrecht angelastet würden. Besonders pikant: Der V-Mann ist inzwischen selbst Beschuldigter im NSU-Verfahren.

Von Tanjev Schultz

In der V-Mann-Affäre rund um die Terrorgruppe NSU erhebt die Polizei in Thüringen schwere Vorwürfe gegen die Behörden des Landes Berlin. Das dortige Landeskriminalamt habe eine Information seines V-Mannes Thomas S. über einen angeblichen NSU-Kontaktmann im Jahr 2002 nicht weitergeleitet. Hätte der Hinweis Erfurt erreicht, wäre damals "eine gezielte Observation" des Verdächtigen erfolgt, heißt es in einem aktuellen Schreiben des LKA Thüringen.

Kritisiert wird darin auch der Bericht des Sonderermittlers Dirk Feuerberg, den der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) eingesetzt hatte, um den Fall zu untersuchen. Oberstaatsanwalt Feuerberg legte dann Anfang des Jahres einen Bericht vor. Dieser, kritisiert nun das Thüringer LKA, erwecke den falschen Eindruck, dass ohnehin umfassend gegen den vom V-Mann genannten Jan W. ermittelt worden sei. Der Berliner Sonderermittler habe nicht in Erfurt nachgefragt, sonst hätte er anderes erfahren.

Fraglich bleibt, ob die Hinweise auf angebliche Kontakte von Jan W. zum NSU korrekt waren und tatsächlich geholfen hätten, das Trio zu finden. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags vernahm am Montag in nicht öffentlicher Sitzung einen Beamten der Berliner Polizei, der für den V-Mann Thomas S. zuständig war. Hauptsächlich lieferte Thomas S. Informationen über die rechtsextremistische Musikszene. Das Berliner LKA führte ihn zwischen November 2000 und Januar 2011 als Quelle "VP 562".

V-Mann ist Beschuldigter im NSU-Verfahren

Thomas S. ist, das macht seinen Fall so brisant, mittlerweile einer von 14 Beschuldigten im NSU-Verfahren. Er soll dem Trio vor dessen Untertauchen Sprengstoff geliefert und ihm 1998 beim Untertauchen geholfen haben, eine Unterkunft zu finden. In einer Vernehmung sagte er, mit Beate Zschäpe habe er früher ein "Techtelmechtel" gehabt. Thomas S. war eine Größe in der Chemnitzer Neonazi-Szene; schon während einer Haftzeit Mitte der Neunzigerjahre hatte er Kontakt zu den drei Neonazis aus Jena, die später den NSU gebildet haben sollen.

Am 6. Mai beginnt der Gerichtsprozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Zschäpe sowie vier mutmaßliche NSU-Unterstützer. Thomas S. wird dann aber nicht auf der Anklagebank sitzen. Die ihm nachweisbaren Taten sind vermutlich verjährt, wenn nicht weitere Erkenntnisse ans Licht kommen. Thomas S. gab dem Berliner LKA im Februar 2002, neben allerlei Details über den Vertrieb von Neonazi-CDs, den Hinweis, der Neonazi Jan W. habe Kontakt zu drei gesuchten Personen aus Thüringen. Er könne diese aber "namentlich nicht benennen". Die Behörden gehen heute davon aus, dass das NSU-Trio gemeint war. Allerdings hätte Thomas S. demnach nicht vollständig berichtet, denn das Trio war ja auch ihm bekannt gewesen. Er hätte also durchaus die Namen nennen können.

Schon kurz nach der Flucht des NSU-Trios 1998 war - auch ohne den späteren Hinweis des V-Mannes - Jan W. ins Visier der Fahnder in Thüringen und Sachsen geraten, weil er Kontakt zu den Gesuchten gehabt haben könnte. Im Mai 2002 wurde Jan W. deshalb offen befragt, doch ohne Erfolg. Das LKA Thüringen behauptet nun, man wäre anders mit Jan W. umgegangen, hätte man den Hinweis aus Berlin erhalten.