Nordkoreas Diktator Kim Jong Un Über Machtgehabe zu Glaubwürdigkeit

Nordkoreas Machthaber fordert die USA heraus. Ist das Irrsinn? Nein, das Land folgt vielmehr seiner eigenen Logik. Kim Jong Un erwirbt sich gerade den Respekt seines Volkes und der Elite. Fehlen nur noch: ein Ende der Spannungen, ein Friedensvertrag mit den USA - und Geduld.

Ein Gastbeitrag von Nordkorea-Experte Rüdiger Frank

Nordkoreas Führung stößt seit Wochen fast täglich neue Kriegsdrohungen gegen den offensichtlich überlegenen Gegner USA aus. Schnell spricht man da von Irrationalität; doch kann das stimmen? Dies ist keine rhetorische Frage. Schließlich hängen eine Lösung der Probleme und das Verhindern eines Krieges auch davon ab, dass man versteht, was die jeweiligen Parteien umtreibt. Um es sehr klar zu sagen: Es gibt keinerlei Grund zu der Annahme, Kim Jong Un und seine Führungsriege seien verrückt oder uninformiert. Die Mittel, die er zur Erreichung seiner Ziele einsetzt, sind, höflich gesagt, unkonventionell, aber das ist noch lange kein Beweis von Dummheit.

Kim Jong Un will, wie jeder Herrscher, an der Macht bleiben. Dazu braucht er die Unterstützung der von ihm Beherrschten. Diese kann man erzwingen, und Nordkoreas System tut dies auch auf eine Art, für die Menschenrechtsverletzung ein harmloser Begriff ist. Doch es wäre falsch, sich der romantisch-idealisierten Hoffnung hinzugeben, alle Nordkoreaner würden nur auf ihre Befreiung durch den Westen warten. Sie wünschen sich eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, Frieden, Sicherheit, Aufstiegschancen, eine Zukunft für sich und ihre Kinder, Respekt - aber nicht unbedingt als Import. Sie wollen das selber schaffen, auf ihre Art, mit ihrem Tempo.

All das hat Kim Jong Un versprochen, und zwar unmittelbar nach seiner Machtübernahme Ende Dezember 2011. Neben symbolischen Gesten wie der öffentlichen Zurechtweisung von säumigen Beamten, der Verteilung von Lebensmitteln oder der reihenweisen Eröffnung neuer Freizeitparks - Brot und Spiele - hat er das auch ganz explizit erklärt. Bei meinen beiden Besuchen im Jahr 2012 konnte ich feststellen, dass immer mehr Menschen an den neuen Mann glauben, den zunächst kaum jemand kannte.

Warum darf Nordkorea nicht, was anderen erlaubt ist?

Versprechen haben allerdings den Nachteil, dass man sie einhalten muss, um nicht seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Da kommt eine dramatische sicherheitspolitische Krise genau richtig. Kein national gesinnter Koreaner würde in dieser Situation am Führer zweifeln. Hier heißt es zusammenhalten. Der junge Herrscher gewinnt an Profil, das er später gut gebrauchen kann. Die internationale Verurteilung von Raketen- und Atomtest sieht man als doppelzüngigen Affront. Warum darf Nordkorea nicht, was anderen erlaubt ist?

Für den Machterhalt braucht Kim auch eine gewisse Zurückhaltung derer, die ihm von außen seine Macht nehmen könnten. Die Unterstützung des Auslands wäre ein willkommener Bonus, aber es genügt ihm auch vorerst, wenn man ihn einfach in Ruhe lässt. Als harmlos zu gelten, ist gefährlich. Das weiß er spätestens seit Libyen.

Kim Jong Un will dauerhaft die Unabhängigkeit seines Landes sichern: von den USA, von China, von Südkorea. All diese Länder sind auf ihre Art eine Bedrohung, und sie sind in mehrfacher Hinsicht überlegen. Atomwaffen sind ein furchtbares, aber wirksames Abschreckungsmittel. Auf absehbare Zeit wird Nordkorea diese Waffen nicht aufgeben, im Gegenteil. Die Armee wird sie so lange verbessern und vermehren, bis es keinen Zweifel mehr an ihrer Existenz und Wirksamkeit gibt.