Nordkorea Kims Kalkül hinter dem Atombombentest

Damals war von Atombomben keine Rede: Kim Jong Un bei seiner Neujahrsansprache

(Foto: AFP)

So paradox das klingt: Nordkorea könnte mit dem Test einer Wasserstoffbombe indirekt neue Verhandlungen bezwecken wollen.

Analyse von Christoph Neidhart, Tokio

Nordkorea hat nach eigenen Angaben am Morgen eine Wasserstoffbombe gezündet, wie das Staatsfernsehen in Pjöngjang in einer Sondersendung mitteilte. Seismische Messstationen bestätigten ein Erdbeben unweit des einzigen bekannten Atomtest-Geländes in Nordkorea.

Das Regime um Diktator Kim Jong Un bezeichnet den Test als "perfekten Erfolg". Damit erklimme Nordkorea "als Atommacht die nächste Stufe", das Land sei nun in der Lage, sich gegen die USA und andere Feinde zu verteidigen. Noch ist unklar, ob es sich bei der Explosion wirklich um eine Wasserstoffbombe handelte. Eine solche Bestätigung sei erst in einigen Tagen möglich, hieß es seitens südkoreanischer Sicherheitsexperten. Pjöngjang hat im vergangenen Jahr nachweislich mit Attrappen von ballistischen Interkontinentalraketen geblufft.

Indirekter Auftakt neuer Verhandlungen

Der Zeitpunkt des angeblichen Wasserstoffbombentests überrascht indes. Zwar hatte Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bereits im Dezember gedroht, sein Land verfüge nun über Wasserstoffbomben, deren Konstruktion als viel schwieriger gilt als der Bau von Plutonium-gestützten Atombomben. In seiner Neujahrsansprache erwähnte er das Nukleararsenal Nordkoreas dagegen nicht.

Zu Neujahr hatte Kim dem Süden noch das beinahe rituelle Angebot für verbesserte Beziehungen gemacht, diese jedoch an den "guten Willen Seouls" geknüpft. Das bedeutet im Sprachgebrauch der nordkoreanischen Propaganda einen Verzicht auf die gemeinsamen Manöver Südkoreas mit den USA. Am Dienstag wechselte die staatliche Nachrichtenagentur des Nordens KCNA dann die Tonlage und verkündete, Nordkorea reklamiere das Recht auf Atomwaffen zur Selbstverteidigung für sich.

Sofern Nordkorea sein Drehbuch nicht geändert hat, dann dürfte der Atomtest, so paradox das klingt, indirekt zum Auftakt neuer Verhandlungen, eventuell sogar einer Wiederaufnahme der Sechsergespräche mit den USA, Südkorea, China, Japan und Russland sein. Pjöngjang hat schon in der Vergangenheit den Süden mit Säbelrasseln an den Verhandlungstisch gezwungen - und dann dort Wohlverhalten demonstriert.

Doch auch nun dürfte Nordkorea nicht akzeptieren, dass die Sechsergespräche die Denuklearisierung Nordkoreas zum offiziellen Ziel haben. Schon vor 2009, als die Sechsergespräche abgebrochen wurden, hatten die Unterhändler Pjöngjang zumindest vorerst eine sehr beschränkte atomare Kapazität zugestanden, um das Land einzubinden, auch wenn das niemand offiziell sagte. Das wird Nordkorea nun auch offiziell festschreiben wollen. Die USA sperren sich dagegen, weil sie damit einen Präzedenzfall, zum Beispiel für Iran, schaffen würden.

Japan und Südkorea reagieren empört

Inwieweit Kims Kalkül aufgeht, ist mehr als offen. Japan reagierte bereits verärgert über den Test, Premier Shinzo Abe nannte ihn "eine Bedrohung der Sicherheit Japans". Die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye berief ihren Sicherheitsrat ein. Das Weiße Haus in Washington konnte den Test vorerst nicht bestätigen, rief Nordkorea aber dazu auf, sich an seine "internationalen Verpflichtungen und die UN-Resolutionen" zu halten.

Der UN-Sicherheitsrat tritt an diesem Mittwoch an seinem Sitz in New York um 11 Uhr Ortszeit zu einer Sitzung über den Test zusammen. Nach den früheren Nukleartests in den Jahren 2006, 2009 und 2013 hat er vor allem scharfe Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Diese dürften noch gestrafft werden.

Wie soll die Welt auf Nordkoreas Atombombentest reagieren?

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