Nordkorea Die wahrscheinlichsten Szenarien im Nuklearkonflikt

Machtdemonstration in Pjöngjang. Das Foto wurde von der nordkoreanischen Regierung herausgeben.

(Foto: dpa)

Krieg ist auf einmal eine reale Gefahr. Wenn kein Kompromiss gefunden wird, könnte die Wirtschaftskrise aber auch einen revolutionären Aufstand in Nordkorea auslösen.

Gastbeitrag von Andrei Lankov, Seoul

Alle paar Jahre häufen sich in den internationalen Medien die Schlagzeilen, wonach die koreanische Halbinsel "unmittelbar vor einem Krieg" stehe. Erfahrene Nordkorea-Beobachter haben diese Panikattacken immer mit viel Skepsis betrachtet - aber dieses Mal könnte alles anders sein. Die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts auf der koreanischen Halbinsel ist real. Das hängt mit zwei neuen Faktoren zusammen: dem Erfolg des nordkoreanischen Langstrecken-Raketenprogramms und dem Aufstieg Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Die nordkoreanische Regierung glaubt seit Langem, die einzige Möglichkeit, ihr Überleben zu sichern, bestehe in der Entwicklung von Nuklearwaffen. Diese Waffen wurden 2006 hergestellt und getestet. Kim Jong-un gibt sich allerdings nicht mit dem kleinen nuklearen Arsenal zufrieden, das er von seinem Vater geerbt hat. Er will mehr, und vor allem will er über Interkontinentalraketen verfügen, die das amerikanische Festland treffen können.

Die Prototypen solcher Raketen, bekannt als Hwasong-14 und Hwasong-15, wurden 2017 erfolgreich getestet. Eine andere US-Regierung hätte die schlechte Nachricht wahrscheinlich widerwillig akzeptiert und sich dann auf die funktionierende Politik der Abschreckung und auf Waffenkontrolle konzentriert. Das ist allerdings nicht das Spiel, das Donald Trump nun spielen will. Donald Trump hat die Nordkorea-Angelegenheit zu einem zentralen Bestandteil seiner außenpolitischen Agenda gemacht, und sein Verhalten ist in beispielloser Weise aggressiv. Es gibt Hinweise, dass Trump und sein engster Kreis ernsthaft einen Militärschlag gegen Nordkorea erwägen. Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass sich solch ein Schlag zu einem großen Krieg auswachsen würde. Donald Trump scheint diese Aussicht nicht einzuschüchtern.

Der russische Wissenschaftler Andrei Lankov gilt weltweit als einer der renommiertesten Nordkorea-Experten. Er lehrt an der Kookmin-Universität in Seoul.

(Foto: Lee Jin-man/AP)

Noch konzentriert sich die US-Regierung auf die Sanktionspolitik. China, bisher zurückhaltend bei den massiven Sanktionen, hat sich nun den schärfsten Strafmaßnahmen angeschlossen, die jemals gegen Nordkorea verhängt worden sind. Diese Sanktionen verbieten nahezu jeden wirtschaftlichen Austausch mit Nordkorea, sie entziehen dem Land nahezu sämtliche Devisen. Die Strafmaßnahmen kommen einem Handelsembargo gleich, und es ist von zentraler Bedeutung, dass China, das 80 Prozent des gesamten nordkoreanischen Außenhandels kontrolliert, sich entschlossen hat, das mitzutragen. In der Vergangenheit hat Peking immer befürchtet, dass rigorose Sanktionen eine innenpolitische Krise in Nordkorea auslösen könnten. Verständlicherweise möchte Peking nicht mit einem Bürgerkrieg konfrontiert werden, der in einem nuklear bewaffneten Land in seiner Nähe ausbricht.

Die chinesische Führung ist aber angesichts der beispiellosen Kriegslust in Washington offenbar zu dem Schluss gekommen, dass in einem Regimekollaps ein geringeres Risiko steckt als in einem massiven internationalen Krieg, der auf einen US-Schlag folgen könnte. Beteiligt sich China an den Sanktionen, steigt die Chance, dass Donald Trump seinen Angriff verschiebt - bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Auswirkungen der Sanktionen deutlich werden.

Die Sanktionen in ihrer jetzigen Form bieten allerdings keine dauerhafte Lösung. Es scheint fast überflüssig zu sein zu erwähnen, aber die nordkoreanische Regierung wird ihre Nuklearwaffen nicht aufgeben. Die Führung weiß, was mit Muammar al-Gaddafi in Libyen passiert ist - dem einzigen starken Mann in der Geschichte, der sich darauf eingelassen hat, sein unausgereiftes Atomprogramm im Gegenzug für wirtschaftliche Anreize aufzugeben.

Und Pjöngjang kennt auch das Schicksal von Saddam Hussein im Irak. Israel hat mit Luftschlägen dessen Nuklearprogramm beendet. Nordkorea hat daraus Lehren gezogen und wird sein Nuklearprogramm nicht aufgeben, selbst wenn die Sanktionen zum Ausbruch einer Hungersnot führen sollten. Hungern müssten dann die Normalbürger, nicht die Entscheidungsträger.

Bislang haben Sanktionen noch nicht viel bewirkt, aber das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. In den vergangenen fünf Jahren hat die nordkoreanische Wirtschaft einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt, aber wenn die ausländischen Devisen ausbleiben, wird es wieder abwärtsgehen.

Was also wird nun wahrscheinlich als Nächstes passieren? Selbst im Angesicht einer Krise oder im schlimmsten Fall einer Hungersnot werden die Nordkoreaner wohl nichts tun. Sie werden leiden und in aller Stille sterben, weil sie sicher sind, dass jede Form des Widerstands gleichbedeutend mit Selbstmord wäre. Falls es doch zu Protesten kommt, wird das Regime sie brutal unterdrücken. Die nordkoreanische Führung und die gesamte Elite - wahrscheinlich eine Million Menschen - gehen davon aus, dass ein Zusammenbruch des Regimes zu einer koreanischen Wiedervereinigung führen würde. Sie hätten in diesem Szenario keine politische Zukunft mehr. Vielmehr wären sie dem Risiko ausgesetzt, in einer Gefängniszelle zu landen oder zu sterben - für ihre tatsächliche oder angebliche Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen während des Kim-Regimes.

Eine Revolution würde zu einem Chaos führen

Es gibt aber auch die (wenngleich geringe) Möglichkeit, dass eine gravierende wirtschaftliche Krise einen revolutionären Aufstand auslöst. Eine solche Revolution wäre gänzlich anders als die "samtene Revolution" in Osteuropa in den späten 1980er-Jahren. Die nordkoreanische Elite geht davon aus, dass sie in einem neuem System im Gefängnis oder in der Todeszelle landen würde. Anders als Parteichefs der 1980er-Jahre in Osteuropa würden sie die Macht also nicht friedlich übergeben, sondern lieber bis zum Tod kämpfen. Eine Revolution würde zu einem Chaos ähnlich wie in Syrien führen, mit wetteifernden Kriegsfürsten, die um die Vormacht kämpfen und die Unterstützung bei Großmächten suchen. Tatsächlich würden sich China, Russland, Südkorea und die Vereinigten Staaten auf die eine oder andere Weise in den Konflikt einmischen. Noch einmal: Das Chaos würde sich in einem Land entfalten, das nicht nur über Nuklearwaffen verfügt, sondern auch noch andere Massenvernichtungswaffen besitzt. Nordkoreas Zukunft sieht also ziemlich düster aus.

Die letzte Möglichkeit: ein Kompromiss. Der wird allerdings schwierig zu erzielen sein. Die USA können kaum ein nuklear aufgerüstetes Nordkorea akzeptieren, und Nordkorea wird kaum über eine Denuklearisierung verhandeln.

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Wenn kein Kompromiss erreicht wird, werden wir also entweder den Ausbruch eines militärischen Konflikts erleben oder eine wirtschaftliche Krise, die auch in Gewalt und einen internationalen Konflikt münden könnte. Es sind schlechte Zeiten für alle, die in Korea leben - und vielleicht auch für die Welt insgesamt.