Neu-Ministerin Kristina Köhler Das schwarze Netz von Frau Doktor

Kristina Köhler hat trotz Bundestagsmandat promoviert. Ohne ihr Netzwerk aus Uni, Politik und privatem Umfeld wäre die Ministerin aber nicht Frau Doktor.

Von T. Denkler

Der Doktortitel scheint immer noch Inbegriff von Kompetenz zu sein. Das gilt vielleicht für Politiker eher ein wenig mehr, und für junge Politikerinnen womöglich erst recht. Die FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin hat mit diesem Argument ihren "Dr." groß auf sämtliche Europawahlplakate drucken lassen: Blond, sympathisch, kompetent. Das sollte die Kernaussage sein.

Die neue Familienministerin im Team von Kanzlerin Angela Merkel, Kristina Köhler, ist zwar nicht ganz so blond, aber erst 32 Jahre alt. Auch da macht sich ein Doktortitel gut. Der beeindruckt Gesprächspartner und potentielle Wähler.

CDU-Aufsteigerin Köhler hat ihre Dissertation im Februar nach fünf Jahren Arbeit fertiggestellt. Mitte Dezember wird sie veröffentlicht. Doktorvater war der aus Funk und Fernsehen bekannte Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter.

Im Februar war Köhler noch eine eher unbedeutende Bundestagsabgeordnete der CDU. Eine Hinterbänklerin mit Nachwuchsstatus. Sie fiel zuweilen durch harte Islamkritik auf sowie durch die Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus. Hervorgetan hat sie sich als Obfrau der CDU im BND-Untersuchungsausschuss. In der Manier einer radikalen Oppositionellen hat sie ihren damaligen Koalitionspartner und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Ausschuss "gegrillt", wie Teilnehmer berichten.

With a little help from my friends

Langeweile kommt da nicht auf. Als Bundestagsabgeordnete arbeitet Köhler bis zu 16 Stunden am Tag. An Wochenenden wird von ihr erwartet, dass sie sich auf diversen Veranstaltungen in ihrem Wiesbadener Wahlkreis blicken lässt. Für ihn sitzt sie seit 2002 im Bundestag.

Unmöglich, bei einem solchen Pensum nebenbei noch eine Doktorarbeit zu schreiben, würden einige sagen, die die Tortur einer Dissertation hinter sich haben. Und doch, es geht: Wenn das Thema stimmt und viele Helfer tatkräftig zur Hand gehen.

With a little help from my friends: Kristina Köhler dürfte ihr Thema förmlich vor die Füße gefallen sein. Titel der 303-Seiten-Arbeit: "Gerechtigkeit als Gleichheit? Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten". Ins Deutsche übersetzt: Köhler hat untersucht, ob und inwieweit die Wertevorstellungen von Bundestagsabgeordneten der CDU mit denen der CDU-Mitglieder übereinstimmen.

Im Wissenschaftsjargon ist das eine klassische Typ-II-Arbeit. Typ I wären Arbeiten, die inhaltlich wirklich etwas Neues zutage befördern und damit dem Autoren eine wissenschaftliche Karriere eröffnen. Zum Typ II zählen solche Arbeiten, bei denen das erste Ziel der Titel ist.

Köhlers Arbeit ist vergleichsweise einfach gestrickt: Sie befragte CDU-Bundestagsabgeordnete und CDU-Mitglieder und erklärt am Ende Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Dafür hat sie - sich selbst ausgenommen - Fragebögen an alle 180 CDU-Abgeordneten der vergangenen Legislaturperiode geschickt und weitere 1000 Papierbögen an eine repräsentativ ausgewählte Stichprobe der CDU-Mitglieder.

Empirische Sozialforscher sind schon glücklich, wenn ein Drittel ihrer Fragebögen ausgefüllt zurückkommt. Die Abgeordnete und Nachwuchsakademikerin Köhler erreichte jedoch mit knapp 75 Prozent bei den Parlamentariern und immerhin 48 Prozent bei den befragten Mitgliedern eine, wie sie selbst schreibt, "bemerkenswert hohe Rücklaufquote".

Bei den Abgeordneten war das sogar ein "nach Wissen der Autorin" bisher unübertroffener Wert. Dass sie selbst Abgeordnete der CDU ist, dürfte dabei eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben, räumt sie selbst in der Doktorarbeit ein.

Es ist nicht unüblich, dass Doktoranden ein Untersuchungsthema wählen, zu dem sie einen engen Bezug haben. Altkanzler Helmut Kohl etwa schrieb seine Doktorarbeit über die Entstehungsgeschichte der CDU in Rheinland-Pfalz - an der er maßgeblich beteiligt war.

Pofalla sei Dank

Kristina Köhler aber hatte nicht nur den Umstand auf ihrer Seite, als Abgeordnete der CDU über Angeordnete der CDU forschen zu können. Sie hatte auch mächtige Fürsprecher in der Partei. Ausdrücklich dankt sie im Vorwort Ronald Pofalla, heute Kanzleramtsminister, damals Generalsekretär der CDU.

Eine empirische Stichprobe der CDU-Mitglieder zu ziehen, ist für normalsterbliche Sozialwissenschaftler eine nahezu unlösbare Aufgabe. Köhler aber konnte - dank Pofalla - auf die Mitgliederdatenbank der CDU-Parteizentrale zurückgreifen. O-Ton Köhler: "Ein Privileg, das Parteien nicht oft gestatten."

Mitarbeiter im Konrad-Adenauer-Haus haben für die Neu-Ministerin nicht nur die repräsentative Stichprobe gezogen, sondern auch noch, quasi als Dienstleitung an der Nachwuchskraft, die Fragebögen verschickt. Immerhin, die Antworten gingen an Köhlers Wiesbadener Privatadresse. Gut 650 solcher Rückläufer hatte sie wissenschaftlich auszuwerten.