Neonazis im Internet Aufrüsten für den Krisenfall

Die Wirtschaftskrise und ihre vermeintlichen Folgen: wie zwei ehemalige Anhänger der "Heimattreuen Deutschen Jugend" Geschäfte mit der Angst machen.

Von Andrea Röpke und Maik Baumgärtner

Maik Baumgärtner ist freier Journalist und arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk und die taz. Er schreibt in diversen Blogs zum Thema Rechtsextremismus. 2009 veröffentlichte er das Buch "Wer trägt die schwarze Fahne dort... - Völkische und neurechte Gruppen im Fahrwasser der Bündischen Jugend heute". Andrea Röpke, Diplompolitologin, beschäftigt sich als freie Journalistin seit 15 Jahren mit dem Thema Rechtsextremismus. Von ihr erschienen ist unter anderem "Ferien im Führerbunker - Die neonazistische Kindererziehung der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)" und, gemeinsam mit Andreas Speit, "Neonazis in Nadelstreifen". Röpke wurde mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet. Unter anderem wurde sie 2007 vom Medium Magazin zur "Reporterin des Jahres" ausgezeichnet und erhielt im selben Jahr den Medienpreis "Leuchtturm" des Netzwerks Recherche.

Wir befinden uns in "Phase O" des Krisenszenarios von Michael Winkler. Die ideale Vorsorge zum Überleben wäre jetzt ein Bauernhof, mindestens über 250 Meter hoch gelegen, am besten im Voralpenland, mit Atombunker und Lebensmittelvorräten für drei Jahre.

Zudem genügend Heizöl, verteilt auf zehn unterirdische Tanks, Saatgut, einen eigenen Bach mit Wassermühle und Stromgenerator, sowie eine Solaranlage. Der studierte Physiker empfiehlt Bargeld zu horten, Verkaufsoptionsscheine auf den Dax zu erwerben und Aktien rechtzeitig "an einen Dümmeren" zu verkaufen. Wenn "Phase 1" eingeläutet wird, könnte es dafür schon zu spät sein, insistiert Winkler.

Als Verkünder der Apokalypse warnt Winkler auf zahlreichen Internetseiten insbesondere eine Klientel: die selbsternannte neonazistische "Avantgarde". Bei rechten Scheitelträgern und studierten Völkischen findet sein fiktionaler Text "Der Untergang" in Zeiten von Wirtschaftskrise und Absatzrückgang begeisterte Anhänger. Winkler scheint deren Ressentiments zu bedienen, denn auf die Krise wird ein Kriegsausbruch folgen, orakelt er, möglicherweise ausgelöst durch "israelische Bomben auf den Iran". Woraufhin dann "ein paar unserer muslimischen Mitbewohner", so Winkler, hier "ihre Sprengstoffgürtel bestücken" könnten.

Auch Silvia Kirschner, genannt "Skadixx", achtfache Mutter und ehemalige Anhängerin der im März verbotenen "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ), ist überzeugt davon, dass durch die aktuelle Finanzkrise die "total vernetzte und globalisierte Welt" aus den Fugen geraten wird. Sie empfiehlt Vorratshaltung und die Bildung nationaler Notgemeinschaften auf sogenannten Wehrhöfen. Wenn "Panikkäufe losgehen", belehrt sie die Kameraden, dann "müssen wir einen Schritt weiter sein".

Langjährige Aktivisten wie Kirschner und Winkler wissen, dass die meisten aus der "NS-Bewegung" sich den Luxus eines autarken "Wehrhofes" niemals leisten können.

Darum verweist Winkler an den "Zivilschutzversand" von Sven Ringmayer und Marc Müller, "dort bekommen Sie zum Beispiel fertig konfektionierte Fluchtgepäcke". Aus der Krisenangst ihrer Kameraden haben die beiden langjährig aktiven Neonazis eine Geschäftsidee entwickelt. Hilfreich scheint ihnen dabei ihre Erfahrung mit Zeltlagern, Gewaltmärschen und Ideologieschulungen.

Denn ebenso wie Kirschner gehörten die Familienväter der im März verbotenen "Heimattreuen Deutschen Jugend" an. Das Bundesinnenministerium sah es als erwiesen an, dass die braune Erziehertruppe eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus aufzeigte und sich mit ihrer Uniformierung als "paramilitärisch auftretende Elite" sah.

Der Versand von Ringmayer und Müller bietet Fluchtgepäck im Wert von 99 bis zu 429 Euro. Zum Repertoire rechter Krisenvorsorge gehören neben Notkocher, Kampfmesser, Trinksysteme, Micropur Forte zur Wasseraufbereitung, abgepackten Travellunch-Paketen auch "Trainings-Expeditionen". Zu den Schwerpunkten dieser Touren zählten laut Homepage Flussüberquerungen, Orientierung bei Nacht, der Bau eines Biwaks, aber auch Paintball und Fallschirmspringen.

Um sich "im Krisenfall richtig zu verhalten", werden indivuelle Ausflüge in die Rhön oder nach Tschechien angeboten. Dort, so erfährt der Interessent dann später, steht auch der Besuch eines Schießstandes auf dem Programm. Im Angebot sind Waffen wie AK 47, Samopal (Sturmgewehr), Karabiner, Pumpgun oder verschiedene Pistolen. Am zweiten Spieltag, gleich nach dem Mittagessen, sei ein "ausgiebiges Schießen mit allen Kalibern" geplant, wirbt Ringmayer aus dem unterfränkischen Obersinn. Allerdings seien manche Waffen "keine Vollautomaten", es können daher "keine Salven", sondern "nur" Einzelschüsse verfeuert" werden.

Als Projektleiter war der langjährige Neonazi bei MAN tätig, jetzt hat er eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts gemeinsam mit Müller, mit Sitz im baden-württembergischen Bad Liebenzell, gegründet. Aufgrund ihrer "umfangreichen Outdoor-Erfahrung" - gemeint sind wohl Zeltlager und Überlebenstraining mit Jugendlichen bei der HDJ - sehen sie sich als prädestiniert für die Ausbildung in Punkto "Sicherung von Haus und Hof" oder "Flucht aus der Stadt" an.

Müller schreibt: "Unsere Erfahrungen reichen bis in unsere aktive Pfadfinderzeit zurück. Bei unseren häufigen (teilweise auch privaten) Touren sind wir immer völlig autark in den verschiedensten Gegenden unterwegs". Mit rund 490 Euro sind zahlungskräftige Interessenten dabei.

Anfang der neunziger Jahre gehörte Sven Ringmayer dem NPD-Landesvorstand in Hessen an. Er war mit Ehefrau Christine, einer ehemaligen NPD-Stadtverordneten im Frankfurter Römer, und den Kindern in den "Einheiten" Hessen und Franken der HDJ organisiert. Auf seinem Privatgrundstück im bayerischen Obersinn soll im November 2004 ein "Herbstseminar" für Jugendliche stattgefunden haben, die Themen hießen: "Menschenführung, Rhetorik, Lagersicherheit". Ein Jahr später gab es in dem kleinen Ort im Landkreis Main-Spessart ein "Winterseminar" der HDJ mit "Funkschulung und Schulung in Kfz-Kolonnenfahren".