Nationalarchiv veröffentlicht Dokumente zum Falkland-Krieg "Es war so eine Dummheit"

Juni 1982: Großbritannien erobert die Falkland-Inseln zurück, die Argentinien zuvor besetzt hatte

(Foto: Getty Images)

Nach 30 Jahren, immer Ende Dezember, werden britische Regierungsdokumente veröffentlicht. Dieses Jahr sind die Aufzeichnungen zum Falkland-Krieg mit Argentinien dabei. Die Papiere zeigen, wie angespannt die Situation damals war - und wie überrumpelt die britische Premierministerin Margaret Thatcher.

Von Christian Zaschke, London

Nachts, um halb zwölf, klingelte das Telefon in 10 Downing Street, dem Sitz der britischen Premierminister. Es war der 31. Mai 1982, Ronald Reagan, der US-Präsident, bat um ein Gespräch. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher war noch auf. Sie ging sehr spät zu Bett und stand sehr früh auf, vier Stunden Schlaf reichten ihr. Die beiden verstanden sich gut, "Dear Ron" schrieb Thatcher, wann immer sie sich schriftlich an Reagan wandte. In dieser Nacht aber wollte der Präsident aktiv in Thatchers Politik eingreifen.

Seit Argentinien Anfang April 1982 die Falklandinseln im Südatlantik besetzt hatte, bereitete Großbritannien die Rückeroberung vor. Argentinien erhob und erhebt Ansprüche auf das britische Überseegebiet. Reagan ging es darum, dass Thatcher sich um eine Lösung des Konflikts am Verhandlungstisch bemühen sollte. Es war ein versuchtes Eingreifen in letzter Sekunde, weil die Briten bereits auf den Inseln gelandet waren. Die Amerikaner wollten eine "vollständige Demütigung" der Argentinier durch die Briten vermeiden, weil sie fürchteten, dass die Militärjunta sich Hilfe suchend an Kuba oder die Sowjetunion wenden könnte, was den Konflikt hätte ausweiten können.

Jedes Jahr Ende Dezember veröffentlicht das britische Nationalarchiv die Regierungsdokumente von vor 30 Jahren, und jedes Jahr ergeben sich faszinierende Einblicke in die Politik der jeweiligen Zeit. In diesem Jahr war die Veröffentlichung im Königreich mit besonderer Spannung erwartet worden, weil der Falkland-Krieg 30 Jahre zurückliegt. Bekanntlich führte Reagans Anruf nicht zum gewünschten Ergebnis: Die Briten eroberten die Inseln zurück, am 14. Juni 1982 war der Krieg zu Ende.

Thatcher sagte Reagan, sie sehe keine Alternative

Aus den Akten ergibt sich, dass amerikanische Diplomaten versucht hatten, eine Friedensmission unter brasilianisch-amerikanischer Leitung einzusetzen. Thatcher sagte Reagan in jenem Telefongespräch jedoch, dass es "keine Alternative" dazu gebe, den Krieg auf dem Boden zu gewinnen. In einem Dokument heißt es: "Sie hatte kaum zu ersetzende britische Schiffe und nicht zu ersetzende britische Leben verloren. Sie war sicher, dass der Präsident in gleicher Weise handeln würde, wenn Alaska bedroht würde."

Allerdings zeigen die Akten auch, dass Thatcher in der frühen Phase des Krieges durchaus eine diplomatische Lösung erwog und zu Kompromissen bereit war. Das ist bemerkenswert, weil sie öffentlich stets eine harte Linie vertrat. Ein Plan sah beispielsweise vor, dass Argentinien in der Selbstverwaltung der Inseln repräsentiert sein könnte, wenn es seine Truppen abzöge. Der damalige Außenminister Francis Pym sagte: "Es wäre eine eindrucksvolle Leistung, wenn wir das zu einer Zeit herbeiführen könnten, zu der Großbritannien sich militärisch in einer schwachen Position befindet."

Besonders interessant sind Thatchers Aussagen vor der sogenannten Franks-Kommission, die vier Monate nach Kriegsende das Geschehen aufarbeitete. Befragt, wie sie auf die Invasion reagiert habe, sagte Thatcher: "Ich hätte nie, nie erwartet, dass Argentinien tatsächlich frontal einmarschiert. Es war so eine Dummheit, und wenn man sieht, wie sich die Dinge entwickelt haben, war es sogar eine Dummheit, überhaupt nur darüber nachzudenken."

"Das war der schlimmste Moment meines Lebens"

Thatcher und die Regierung wurden, das zeigen die Dokumente, von dem Einmarsch vollkommen überrascht. Erst zwei Tage vor der Invasion erhielt sie vom Geheimdienst die Information, dass eine Landung argentinischer Truppen unmittelbar bevorstehe. Pyms Vorgänger als Außenminister, Peter Carington, musste sich im Parlament vorwerfen lassen, er habe die Zeichen für den Angriff willentlich ignoriert. Er trat drei Tage nach dem Einmarsch zurück und sagte: "Ich kann wahrheitsgemäß sagen, ich habe nichts von dem getan (was man mir vorwirft), es gab schlicht keine (Zeichen für eine Invasion)."

Über den Tag, an dem sie vom Geheimdienst informiert wurde, sagte Thatcher: "Ich muss sagen, das war der schlimmste Moment meines Lebens." Ob sie bereit gewesen wäre, über die Souveränität der Inseln zu verhandeln, wurde sie vor der Franks-Kommission gefragt. "Ja", sagte Thatcher und führte später aus: "In dieser Nacht konnte mir niemand sagen, ob wir in der Lage sein würden, die Falkland-Inseln zurückzuerobern, niemand. Wir wussten es nicht - wir wussten es nicht."

Es wurden nicht alle Akten veröffentlicht

Da das Nationalarchiv stets nur ausgewählte Akten veröffentlicht, fehlen alle Dokumente, die mit der umstrittenen Versenkung des argentinischen Kreuzers Belgrano durch das britische U-Boot Conqueror zu tun haben. Die Entscheidung zur Versenkung war von einer kleinen Gruppe von Ministern und Thatcher getroffen worden. Bei dem Angriff starben 323 Seeleute. Insgesamt kamen im Falkland-Krieg 255 britische Soldaten, drei Zivilisten und 655 argentinische Soldaten ums Leben.

Vor dem Krieg waren Thatchers Umfragewerte im Keller gewesen. Nach dem Krieg war sie so populär, dass sie die Parlamentswahl im Jahr 1983 mit Leichtigkeit gewann.