Mordserie der rechtsextremen NSU Polizei ermittelte in eigener Dönerbude

Wurden bei der Untersuchung der Mordserie an Migranten Fehler gemacht? Der frühere Ermittlungsleiter bestreitet dies vorm Bundestags-Untersuchungsausschuss. Spott ist ihm trotzdem sicher. Denn wie erst jetzt bekannt wurde, betrieben die Fahnder sogar einen eigenen Imbiss, um potentiellen Tätern auf die Spur zu kommen. Ganz zu Ende gedacht war die Sache jedoch offenbar nicht.

Von Joachim Käppner und Tanjev Schultz

Wenn der Leitende Oberstaatsanwalt per Zeitreise zehn Jahre zurückrauschen könnte, er würde nichts anders machen. So muss man an diesem Donnerstag wohl Walter Kimmel von der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth verstehen.

Von 2001 bis 2008 war er mit den Ermittlungen wegen der Mordserie an Migranten beauftragt, die sich erst später als Werk der rechten NSU-Terroristen herausstellen sollte. Er mag nicht sagen, dass er etwas falsch gemacht habe: "Wir haben die Ermittlungen damals in einem Umfang durchgeführt, wie es besser nicht gehen kann."

Kimmel findet vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags nicht einmal ein Wort des Bedauerns, dass es ihm nie gelang, auf die Spur der rechten Täter zu kommen - und das, obwohl Barbara John, die Ombudsfrau für die Opfer der Terrorzelle und deren Angehörige, und eine Delegation des türkischen Parlaments zuhören.

Mehr als zehn Jahre lang waren die Ermittler auf der falschen Spur organisierter Ausländerkriminalität. Kimmel vermag den Vorwurf nicht zu entkräften, er und die anderen Staatsanwälte hätten das Verfahren aus Behördenegoismus - oder weil sie partout nicht an Terror von rechts glauben wollten - nicht an den Generalbundesanwalt übertragen wollen.

Spuren, die nach rechts wiesen, wurden eher halbherzig verfolgt. Umso mehr Phantasie brachten die Ermittler für die Theorie auf, bei den Tätern könnte es sich um Kriminelle im türkischen Kleingewerbemilieu handeln.

Ominöse Dönerbude

Wie nun bekannt wurde, betrieb die Polizei deshalb sogar ein halbes Jahr lang eine Dönerbude - aufgezogen von einem V-Mann. Ziel sei es gewesen, so Kimmel, Zahlungsschwierigkeiten der Bude vorzutäuschen, um "Erkenntnisse zu gewinnen, wie die Zulieferer reagieren".

Der Ausschuss-Vorsitzende Sebastian Edathy (SPD), der dies am Vorabend vom Ermittlungsbeauftragten des Ausschusses erfahren hatte, genießt seinen Scoop. Ironisch fragt er Kimmel, was denn gewesen wäre, wenn tatsächlich ein Mörder im polizeilich betriebenen Imbiss aufgetaucht wäre: "Hatten Sie ringsherum 30 Scharfschützen postiert?"

Der Ausschuss hat die Akten aus Bayern angefordert, um Näheres über die ominöse Bude zu erfahren. Außerdem sollen die Ermittler eine als Journalistin getarnte Beamtin zu Angehörigen der Opfer geschickt haben, um sie auszuhorchen. Kimmel gab an, sich daran nicht erinnern zu können.

Opferanwältin John sagt der SZ, die Episode mit der Dönerbude sei bezeichnend für einseitig geführte Ermittlungen: "So hat sich die Polizei das wohl vorgestellt: Wenn der Döner-Mann nicht zahlt, kommt der türkische Lieferant und knallt ihn ab."