Mögliche Militäraktion gegen Syrien Viele schlechte Optionen

Auch wenn US-Präsident Obama noch nicht über ein militärisches Eingreifen in Syrien entschieden hat, bereitet sein Verteidigungsminister Hagel Szenarien einer Intervention vor: gezielte Militärschläge, Flugverbotszonen oder eine Bewaffnung der Rebellen. Alle Optionen bergen Risiken. Eine Möglichkeit bleibt - und die hängt ausschließlich von Russland ab.

Von Paul-Anton Krüger

Eigentlich sollte die USS Mahan am Wochenende vom östlichen Mittelmeer aus den Hafen von Neapel anlaufen. Doch das Kommando der 6. US-Flotte in Neapel wies den 154 Meter langen Zerstörer an, vorerst in seinem Operationsgebiet zu bleiben. Das Schiff der Arleigh-Burke-Klasse gehört zum Modernsten, was die US-Marine aufzubieten hat. Die Mahan verfügt über Tarnkappentechnologie - vor allem aber kann sie als Startplattform für Lenkwaffen dienen, etwa Tomahawk-Marschflugkörper.

Diese Abstandswaffen könnten Ziele in Syrien attackieren, ohne dass westliche Piloten sich in den Luftraum des Landes wagen müssten. Die Armee von Diktator Baschar al-Assad verteidigt ihn mit einer modernen Luftabwehr aus russischer Produktion. Gezielte Schläge gegen Militärinstallationen und symbolisch bedeutende Einrichtungen des Regimes sind eine der Optionen, mit denen die USA und ihre Verbündeten reagieren könnten - wenn sich der Verdacht zur Gewissheit erhärtet, dass Regierungstruppen am Mittwoch in Vorstädten von Damaskus Hunderte Menschen mit Chemiewaffen ermordet haben, die meisten von ihnen unschuldige Zivilisten.

Inzwischen kreuzen vier US-Zerstörer im östlichen Mittelmeer - doppelt so viele wie normal. Zwei davon sollen sich in Schlagdistanz zu Syrien befinden. Doch Verteidigungsminister Chuck Hagel lässt keine Gelegenheit aus klarzustellen, dass Präsident Barack Obama noch keine Entscheidung über eine Militärintervention getroffen hat. Für den Westen - zuvorderst für Obama mit seiner roten Linie bezüglich eines Chemiewaffen-Einsatzes - scheint der Punkt erreicht zu sein, an dem man sich dem Druck nicht mehr entziehen kann, endlich etwas zu tun, um das grausame Schlachten in Syrien zu stoppen. In Washington werden schon Parallelen zu Kosovo gezogen und das Massaker von Srebrenica wird als Menetekel zitiert. Es hatte damals einen zögernden Bill Clinton bewogen, auch ohne UN-Mandat einzugreifen.

Krisengipfel in Amman

Zugleich weiß Obama genauso gut wie der Brite David Cameron oder Frankreichs Präsident François Hollande, dass es in Syrien keine Handlungsalternative gibt, die attraktiv wäre - vielleicht noch nicht einmal eine, deren Kosten und Risiken ihnen akzeptabel erscheinen würde. US-Generalstabschef Martin Dempsey flog am Sonntag nach Jordanien. In der Hauptstadt Amman kommt er mit seinen Kollegen aus Frankreich und Großbritannien zusammen, um über die Auswirkungen des syrischen Bürgerkriegs zu beraten. Mit dabei sind Vertreter der Regionalmächte Saudi-Arabien, Türkei und Katar, ebenso wie die Nato-Staaten Kanada und Italien und auch der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker. Das seit Monaten geplante Treffen dürfte nun zu einem Krisengipfel werden. Die Teilnehmer werden militärische Optionen abwägen gegen ihre jeweiligen Folgen und mögliche, unerwünschte Nebeneffekte.

Eine internationale Aktion, um die syrischen Chemiewaffenbestände zu zerstören, scheint niemand mehr ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Das US-Militär hat zwar für einen solchen Fall schon mit anderen Ländern in Jordanien geübt. Doch wären dafür 60 000 bis 75 000 Soldaten nötig, wie das Pentagon schätzt. Sie müssten wochen- oder monatelang im syrischen Kriegsgebiet operieren. Die Entsendung von Bodentruppen aber schließen Offizielle in Washington inzwischen aus. Ein Bombardement der fünf größten Chemiewaffen-Einrichtungen sowie 35 weiterer Anlagen, die zu dem Programm gehören sollen, gilt als zu riskant. Dabei könnten Kampfstoffe frei werden, sie könnten auch in die Hände von Aufständischen oder Terroristen gelangen. Im Kalten Krieg sah die Doktrin des US-Militärs vor, solche Bestände mit Atomwaffen zu neutralisieren - was heute völlig undenkbar ist.