Merkels Besuch bei Trump "Angela Merkel wird zum schwächsten Glied Europas"

Internationale Medien kritisieren Angela Merkel nach ihrem Besuch bei Donald Trump hart. Deutsche Medien sind gnädiger. Eine Presseschau.

Die amerikanische Zeitung New York Times verweist auf den großen Unterschied zwischen dem Treffen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Anfang der Woche und dem mit Angela Merkel ein paar Tage später:

"Merkels unauffällige Ankunft am Weißen Haus, um für ein paar Stunden hinter verschlossenen Türen zu sprechen, war ein scharfer Kontrast zum üppigen Staatsempfang, den Trump Präsident Emmanuel Macron im Laufe der Woche bereitet hatte."

Die Washington Post, neben der New York Times die zweite große Tageszeitung in den USA bezeichnet Angela Merkel als "schwächstes Glied" Europas und kritisiert Deutschlands Passivität:

"Deutschland Passivität ist tief verwurzelt. Der politischen Klasse in Berlin fehlt es an strategischem Denken, sie hasst Risiko und hat wenig Mumm. Wenn es um die schwierigen Fragen der Verteidigung und Sicherheit geht, versteckt sie sich hinter ihrer schmachvollen Vergangenheit, um Pazifismus zu rechtfertigen. (...) Falls Merkel ihre Zurückhaltung in ihrer vierten Amtszeit nicht aufgibt und die großen Pläne des französischen Präsidenten unterstützt, wird Deutschlands strategische und politische Scheu beiden schaden: Macron und Europa."

Die Nachrichtenagentur Bloomberg nimmt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nicht aus ihrer Kritik aus: Die Schlagkraft Europas schwinde.

"Das vereinte Versagen der beiden unterstreicht, welch kleinen Einfluss sie auf Trump haben. (...) Die Treffen habe die Kluft frei gelegt, die sich seit dem Amtsantritt Trump über den Atlantik gebildet hat."

Auch die britische Tageszeitung The Guardian hält das Treffen zwischen Trump und Merkel für gescheitert:

"Trump und Merkel haben versucht, ihre Differenzen zu verstecken - aber sie sind gescheitert. (...) Donald Trump und Angela Merkel haben sich angestengt, geschlossen aufzutreten, aber ihre tiefen Differenzen in Inhalt und Stil konnten sie nicht verstecken."

Le Monde betrachtet das Treffen von Merkel und Trump als wenig nutzbringend, weder was den Handelskrieg mit den USA betrifft noch beim Atomabkommen mit Iran habe die Kanzlerin in der Kürze etwas ausrichten können, schreibt die französische Zeitung. In dieser Hinsicht sei der Besuch Merkels unergiebiger ausgefallen als der des französischen Präsidenten zu Beginn der Woche, so Le Monde.

Deutschprachige Medien sind gnädiger

Die Berliner Morgenpost findet, Merkel kann mit einer positiven Bilanz aus dem Treffen mit Trump gehen:

"Der schwierige Kurzbesuch von Angela Merkel bei US-Präsident Donald Trump hat sich für die Kanzlerin gelohnt. Sie und damit auch Deutschland ist nach quälenden Monaten der Regierungsbildung zurück auf der Weltbühne. Die Atmosphäre zwischenden beiden Regierungschefs hat sich beruhigt, der Ton ist konziliant. Sie konnte ihre Punkte machen. Immerhin. Doch Trump hat damit begonnen, seine Versprechen aus dem Wahlkampf für ein stärkeres Amerika umzusetzen. Es braucht eine europäische Strategie für die Beziehungen zu den USA unter einem Präsidenten Trump. Möglicherweiseist da der "Good cop, bad cop"-Ansatz von Marcron der Richtige für die kommenden Jahre. Egal wie, es braucht einen neuen Umgang mit Trump. Auch wenn es schmerzt. Der Besuch der Kanzlerin in Washington war ein solcher Anfang."

Der Reutlinger General-Anzeiger glaubt, Trump habe seine Lektion gelernt:

"Trump scheint mittlerweile verstanden zu haben, dass solche politischen Erfolge nur gelingen, wenn man Verbündete hat. Nur weil viele Länder bei den Wirtschaftssanktionen mitmachten, konnte er das Regime in Nordkorea in die Knie zwingen. "America First" allein reicht nicht. Diese Lektion scheint angekommen."

Die Badische Zeitung lobt, dass sowohl Macron als auch Merkel ihre Haltungen klar vertreten hätten:

"Der Unberechenbare im Weißen Haus zeigte sich gut gelaunt, lobte, küsste die Kanzlerin, gab brav die Hand. Solche Nettigkeiten aber sind schon bei weniger exzentrischen Politikern meist hohle Gesten. Tatsächlich sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht so schlecht, wie Pessimisten glauben - aber auch nicht so gut, als dass sich Konflikte weglächeln ließen. In Europa hat man gelernt, dass es gut ist, Trump mit Respekt zu begegnen, aber auch, dass man ihm gegenüber die eigene Haltung am besten klar vertritt. Das hat Merkel ebenso getan wie zuvor Emmanuel Macron. Im Handelsstreit hat die Kanzlerin erklärt, sie könne sich neue Verhandlungen zwischen EU und USA vorstellen. (...) Ob das reicht, US-Strafzölle abzuwenden, wird man sehen. Ob die USA aus dem Atompakt mit Iran aussteigen, ebenso. Merkel und Macron haben Trump in beiden Fällen Brücken gebaut, über die er gehen könnte. Mehr geht nicht."

Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung glaubt, Trump könnte seine Haltung als Erfolg werten:

"Merkel plädierte dafür, die Vereinbarung (mit dem Iran) als "ersten Schritt" zu bewahren, aber die Anliegen der Amerikaner in weitergehenden Schritten zu berücksichtigen. Sie vertrat dabei die gleiche Position wie Macron. Auch Merkel unterstrich, das Abkommen von 2015 sei nicht ausreichend, um die iranische Destabilisierung in der Nahostregion einzudämmen. Das ist zwar keine Neuigkeit, denn dazu war das Atomabkommen nie gedacht. Neu ist aber, dass auch die europäischen Verhandlungspartner insistieren, dem aggressiven iranischen Verhalten müsse ein Riegel geschoben werden. Wenn er wollte, könnte Trump dies als Erfolg seines "Power Plays" werten. Allerdings wird er sich nicht zufriedengeben, wenn keine Zusagen der Europäer zu konkreten Sanktionen folgen."

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Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der von der New York Times verwendete Ausdruck "to see eye to eye" fälschlicherweise mit "auf Augenhöhe" übersetzt. Die entsprechende Passage wurde umformuliert.