Merkel und Cameron Ein bisschen Spaß in der Krise

Darf die Kanzlerin auch mal Spaß haben? Trotz Eurokrise und allem? Angela Merkel genießt beim Bürgerforum den Dialog mit Studenten - und den mit dem britischen Premier David Cameron.

Von Evelyn Roll, Berlin

Darf die Kanzlerin auch mal Spaß haben? Trotz Eurokrise und allem? Am Donnerstag, beim vierten "Bürgerdialog über Deutschlands Zukunft" in Berlin gab Angela Merkel zu, dass diese Gespräche mit Bürgern ihr Spaß machen. Und dann sagte sie vorsichtshalber dazu: "Ich weiß nicht, ob das bei mir der Fall sein darf, dass mir etwas Spaß macht."

Kanzerlin Angela Merkel und Premier David Cameron: Ein bisschen Spaß muss sein

(Foto: AFP)

Dann ist sie nach Danzig geflogen, zu einem dieser nun schon fast traditionell zu nennenden Vor-Turnier-Treffen mit der deutschen Fußballmannschaft, hat mit US-Präsident Barack Obama über Spanien und die Krise telefoniert und mit dem britischem Premier David Cameron, der noch vor seinem Eintreffen in Berlin seine Position zu dem Thema noch einmal bekräftigt hatte. Am Morgen im Frühstücksfernsehen der ARD hatte sie dasselbe getan, hat ihre Zuhörer darauf eingestimmt, dass die deutsche Bundeskanzlerin Kompetenzen an Brüssel abgeben möchte, weil es bei der Rettung des Euro um "mehr Europa" gehe, um eine Fiskalunion und eine politische Union.

Dann hatte sie ein Mittagessen mit Cameron, nach dem die beiden nicht so aussehen, als seien sie sich in Grundsatzfragen näher gekommen. Und jetzt sitzt sie mit Cameron und dem norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg in der Sky-Lobby im achten Stock des Kanzleramtes vor 93 Studenten aus 25 Ländern und einem Transparent, auf dem steht: "Voneinander lernen - learning from each other".

Die Mikrofone sind schon eingeschaltet, sodass man der Plauderei der Kanzlerin mit einem jungen Engländer zuhören kann, der in Deutschland studiert und das, wie er sagt, sehr genießt. Als Merkel fragt: "Warum?", antwortet der junge Mann: "Nun, die Ausbildung in Deutschland ist viel billiger."

Kompetenzen an Europa abgegeben

Die Studenten haben intelligente Fragen mitgebracht: Wie verändern soziale Netzwerke die Politik? Bleiben Volksparteien relevant, und was tun sie gegen Ein-Programm-Parteien? Und vor allem: Kann man im Internet Wahlen und politische Entscheidungen organisieren? Es geht also auch um direkte Demokratie. Stoltenberg erklärt, was dabei herauskommen kann. "Wir wollten Mitglied der EU werden. Die Menschen haben das abgelehnt. Damals, 1994, habe ich das sehr bedauert." Da lachen alle so laut, dass Stoltenbergs "heute bedauere ich das immer noch", fast untergeht.

Morgens im ARD-Fernsehen hatte Merkel gesagt: Schritt für Schritt müssten Kompetenzen "an Europa abgegeben und Brüssel Kontrollmöglichkeiten eingeräumt" werden. Und als Cameron jetzt gefragt wird, wie viel er abgeben würde an Europa, sagt er: "Ich denke, wir sollten Europa von unten nach oben aufbauen. Die Dinge, die nicht funktioniert haben, sind immer von oben nach unten gekommen. Europa hat versucht zu rennen, bevor es gelernt hat zu gehen. Wir sollten keine neuen Pläne machen von oben nach unten."

Da nimmt Merkel den nächsten Dissens gleich freiwillig vorweg: "Wir wollen in einer direkten Abstimmung den Kommissionspräsidenten wählen. Ich glaube, dass David davon nicht so begeistert ist." Und David nickt.

Kann man über das Internet regieren? Kann man was lernen von den Piraten? Als Naturwissenschaftlerin ist Merkel zutiefst davon überzeugt, dass große Gesellschaften lernende Systeme sind. Und Cameron assistiert: Je mehr Leute an Internet-Abstimmungen teilnehmen, desto klarer wird das Bild.

Nach 90 Minuten Disputs mahnte Merkel: "Die Gesellschaft darf sich nicht aufteilen in einen Teil, der für die Kritik verantwortlich ist und einen anderen, der für Lösung verantwortlich ist. Lebenslänglich Kritiker sein ist, finde ich, unvollständiger Demokrat sein." Hat wieder Spaß gemacht, auch Erkenntnisse gebracht. Und jetzt zurück zum Euro.