Merkel oder Schulz? "Das Volk", das ist im russischen Fernsehen die AfD

Das Bild, das der russische Fernsehzuschauer seit Beginn des Ukraine-Kriegs und seit der Flüchtlingskrise von Deutschland und der deutschen Bundeskanzlerin vorgesetzt kriegt, dürfte einem deutschen Zuschauer sehr bekannt vorkommen: Es ist das Weltbild der AfD. Lange habe Angela Merkel "wie unter Hypnose die Anweisungen von der anderen Seite des Atlantiks ausgeführt", lässt der Moderator der sonntäglichen Sendung "Westi Nedeli" die Zuschauer wissen. Dazu zeigt das Fernsehen Bilder, wie AfD-Anhänger die Bundeskanzlerin bei einem Wahlkampfauftritt auspfeifen. Unter dem wachsenden Druck der eigenen Bevölkerung sehe sie sich nun aber gezwungen, davon abzurücken.

"Das Volk", das ist im russischen Fernsehen die AfD, die "gegen die Einwanderungspolitik und die antirussischen Sanktionen eintritt". Jedes kritische Wort über Washington aus Merkels Mund wird als Zugeständnis an dieses Volk gedeutet.

Die russische Führung sieht in Merkel die Schlüsselfigur, die Europa geschlossen hält - vor allem was Sanktionen gegen Russland betrifft. Dass Sigmar Gabriel einen Abzug amerikanischer Kernwaffen aus Deutschland ins Spiel brachte, wurde in russischen Staatsmedien gefeiert. Schließlich sei Deutschland "faktisch ein besetztes Land".

Der Kreml schätzt allerdings auch, dass er in Merkel ein berechenbares Gegenüber hat, wenn auch mit einer harten Position. Die Erfahrung mit Trump hat auch bei russischen Diplomaten die Lust auf Experimente gedämpft.

Von Julian Hans

Russlanddeutsche: die unsichtbaren Migranten

Erst der Ukraine-Konflikt, dann der "Fall Lisa": Deutsche Parteien fürchten, die Russlanddeutschen an die AfD zu verlieren. Zu Recht? Reportage von Hannah Beitzer mehr ...

Japan und Deutschland? Eher Missverständnis als Wertegemeinschaft

Bundestagswahlen? Die meisten Japaner haben noch nichts davon gehört, dass Deutschland am Wochenende wählt. Wahlen im Ausland stoßen hier selten auf Interesse. Eine Ausnahme bilden die Präsidentschaftswahlen in den USA, eine zweite war die Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten - allerdings erst im Nachhinein und bloß, weil sich plötzlich mehrere hiesige Politiker selbst zu japanischen Macrons ernannten. Eine Parlamentswahl dagegen, von der überdies erwartet wird, sie bestätige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Amt, nehmen nicht einmal die Medien richtig wahr. Im Voraus schon gar nicht.

Die Japaner sind wahlmüde, sie sagen, es ändere sich ja doch nichts. Seit 1956 regiert in Tokio mit zwei Unterbrechungen die gleiche Partei, Premier Shinzo Abes Liberaldemokraten (LDP), die sich trotz der schwächelnden Wirtschaft an der Macht behaupten. Wenn sich eine glaubwürdige Chance bietet, ihnen eins auszuwischen, dann packen die Japaner zu. Bisher wurden sie jedoch enttäuscht. Die stärkste Oppositionpartei bietet kaum eine Alternative, sondern bloß anderes Personal; einzig ihre Gegnerschaft zur LDP hält sie zusammen, meist zerfleischt sie sich selbst - auch derzeit wieder.

Große Parteien, die für eine bestimmte Politik stehen, gibt es in Japan nicht; Neugründung sind fast nur als Abspaltungen von bisherigen Parteien möglich. Damit schützt die Machtelite ihre Pfründe. Die Wichtigkeit der Frage, wer Merkels Koalitionspartner wird, erkennen die wenigsten Japaner. Die bei Staatsbesuchen beschworene Wertegemeinschaft zwischen Deutschland und Japan ist teilweise ein Missverständnis. Erst recht, seit Berlin nach Fukushima den Atomausstieg vorantreibt, die Abe-Regierung aber trotz der Atomkatastrophe und gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung an der Kernkraft festhält.

Von Christoph Neidhart

Seltene Demokratiemomente in Ägypten

Wenn Ägypten dieser Tage auf Deutschland blickt, übt es sich in selektiver Wahrnehmung: Am meisten Beachtung fand noch, dass der Chef der Suez-Kanal-Behörde mit einer Delegation in Berlin deutsche Investoren in die Freihandelszonen an der Wasserstraße locken würde. Die Bundestagswahl findet kaum Interesse, sie ist kein Diskussionsthema in den Cafés, Taxis oder auf der Straße.

Ohnehin geht man in Ägypten - die Regierung sowie die überschaubaren interessierten Kreise - ebenso wie in den meisten anderen Ländern der arabischen Welt davon aus, dass Angela Merkel Kanzlerin bleiben und sich nichts Grundlegendes ändern wird. In den Zeitungen in Kairo finden sich nur kürzere Notizen, und auch da geht es vor allem darum, zu demonstrieren, dass die Sicht des Regimes von Präsident Abdelfattah al-Sisi vermeintlich auch in Deutschland geteilt wird.

So berichteten einige Blätter über das TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz - fast ausschließlich unter dem Aspekt, dass beide ein Ende der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei verlangt hätten, die in Kairo wegen der Unterstützung der Muslimbruderschaft neben Katar als Hauptfeind betrachtet wird, auch wenn man munter weiter Produkte von dort importiert. Überdies wurde Merkels Kritik an der Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar gemeldet. Auf die Frage, ob sie die Entscheidung für Katar gut finde, sagte sie: "Nicht so besonders gut." Den Besuch des Emirs in Berlin ignorierte man dagegen.

Es gibt Wahlnacht-Veranstaltungen in der deutschen Botschaft und im Goethe-Institut, eine intensive Auseinandersetzung mit dem deutschen Wahl- und Parteiensystem, den Spitzenkandidaten und den Parteiprogrammen findet vor allem an mehreren deutschen Auslandsschulen in Ägypten statt, die auch bei ägyptischen Familien sehr gefragt sind. Im Zuge der Juniorwahlen simulieren etwa die Schüler der Deutschen Schule Beverly Hills Kairo die Bundestagswahl.

Sie haben Wahlkabinen in den Farben der Deutschlandflagge gebaut, Wahllokale eingerichtet, Wahlzettel und -urnen bereitgestellt. Um sich zu informieren haben die Schüler Steckbriefe der Parteien erarbeitet und den Wahl-O-Mat genutzt. Gewählt wird an der Schule am Mittwoch. So viel Demokratie(-erziehung) ist in Ägypten selten.

Von Paul-Anton Krüger

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