Menschenschmuggel Wie der Schmuggel von Flüchtlingen zur Milliardenbranche wurde

Flüchtlinge vor der Insel Lesbos. Sollte die Balkan-Route irgendwann obsolet werden, könnte die Nachfrage nach Schlepperdiensten wieder Richtung Libyen kippen.

(Foto: Socrates Baltagiannis/dpa)
  • Der Schmuggel von Menschen über Grenzen folgt dem ökonomischen Grundgesetz: Wo Nachfrage existiert, wird es immer ein Angebot geben.
  • Eine auf Interviews mit 200 Migranten basierende Studie des afrikanischen Institute for Security Studies beschreibt diese Industrie im Detail.
  • Sie erklärt unter anderem, warum Migration auch aus jenen Ländern stark zugenommen hat, in denen keine Umwälzungen stattfanden.
Analyse von Thomas Kirchner, Brüssel

Europa hat seit vergangener Woche ein "Flüchtlingsschmuggel-Zentrum". Es ist der Polizeibehörde Europol angegliedert und soll leisten, was die "Cybercrime"- und "Terrorismus-Zentren" bei Europol bewirken sollen: besser abgestimmte Zusammenarbeit der nationalen Polizeibehörden, mehr Austausch von Informationen.

Das Anti-Schmuggler-Zentrum, im November beschlossen, wurde in Windeseile errichtet. Der Kampf gegen diese Form der Kriminalität habe jetzt "Top-Priorität", hieß es bei der Eröffnung in Den Haag. Sie sei ein wesentlicher Teil der europäischen Antwort auf die Flüchtlingskrise. Schließlich kämen 90 Prozent der Migranten mit Hilfe von Kriminellen nach Europa.

Service vom Herkunfts- bis ins Zielland

Die EU zieht also in den Kampf - gegen ein Geschäft, das in kürzester Zeit ernorm gewachsen ist. Drei bis sechs Milliarden Euro, schätzt Europol, hätten die Schleuser im vergangenen Jahr eingenommen, und wenn die Krise anhalte, werde es bald doppelt oder dreimal so viel sein. 40 000 Verdächtige sind Europol bekannt, 2015 kamen 12 000 dazu.

Kriminelle Netzwerke unterschiedlichster Größe sind entstanden: von wenigen Menschen, die regional begrenzte Dienste anbieten, bis zu hocharbeitsteiligen Organisationen, welche die Reise vom Herkunfts- bis ins Zielland organisieren. Ein Service, der einiges umfasst: Fahrzeuge, Unterkünfte und Verpflegung organisieren, Behörden bestechen, Dokumente fälschen, übersetzen, Reiseführung und vieles mehr. Daneben wird Geld eingesammelt, transferiert, gewaschen. Die Köpfe größerer Gruppen sitzen in den Brennpunkten der Schleuserindustrie, Städten wie Amman, Beirut, Kairo, Istanbul, Tripoli, oder, in der EU, Athen, Berlin, Kopenhagen, München, Thessaloniki, Seebrügge.

Wo Nachfrage existiert, wird es immer ein Angebot geben

Der Schmuggel von Menschen über Grenzen folgt, nicht anders als der Drogenhandel, dem ökonomischen Grundgesetz: Wo Nachfrage existiert, wird es immer ein Angebot geben. Eine auf Interviews mit 200 Migranten basierende Studie, die das afrikanische Institute for Security Studies im Auftrag der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung erstellt hat, beschreibt diese Industrie im Detail, mit überraschenden Erkenntnissen.

Eigentlicher Auslöser der gegenwärtigen Krise ist der Bürgerkrieg in Syrien nach 2011. Die meisten, die ihm entkommen wollen, bleiben zunächst in der Nähe der Heimat. Nachdem die Lager in Libanon und Jordanien überlaufen sind und die Situation noch bedrohlicher geworden ist, entsteht eine zweite Welle von Menschen, die eine dauerhafte Zukunft in Europa suchen.

Zunächst gehen viele nach Ägypten, für das sie kein Visum brauchen. Als sich das nach dem Sturz der Muslimbrüder 2013 ändert, fliegen sie direkt in den visumfreien Sudan, um sich von dort an die ägyptische oder libysche Küste bringen zu lassen. In Khartum sitzen Schmuggler, die bis dato Somalier, Eritreer und Äthiopier Richtung Europa führten. Die deutlich finanzstärkeren Syrer bewirken einen Schleuser-Boom und schaffen eine Infrastruktur, die wiederum mehr Eritreer und Somalier animiert, gen Norden zu ziehen.