McDonald's in Russland Der Westen schmeckt nicht mehr

Das war's mit Burgern aus dem Westen: Vier McDonald's-Filialen in Russland mussten schließen.

(Foto: dpa)

Mit der ersten Filiale von McDonald's öffnete sich einst die Sowjetunion der Welt. Jetzt mussten vier Restaurants schließen - mit fadenscheiniger Begründung. Selbst Konkurrenten vermuten, dass der russische Verbraucherschutz für politische Ziele missbraucht wird.

Von Julian Hans, Moskau

In manchen russischen Haushalten kann man sie immer noch finden: Plastikbecher, mitgebracht vom ersten Besuch bei McDonald's und über Jahrzehnte aufbewahrt als Erinnerung an einen historischen Moment, der die Welt veränderte. Ihre Besitzer halten sie in Ehren wie die Deutschen Splitter aus der Berliner Mauer, die sie herausgeklopft haben. Und wie es den Deutschen dabei nicht um den Beton geht, so geht es den Russen nicht um die Cola, die sie damals aus dem Becher getrunken haben, oder den pappigen Hamburger.

Als am Mittwochabend bekannt wurde, dass unter den vier Filialen, welche die russische Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor schließen ließ, auch die allererste am Puschkin-Platz ist, zweifelte niemand daran, was das bedeutet. "In Moskau geht eine Ära zu Ende", twitterte sogar Margarita Simonjan, die Chefredakteurin des russischen Auslandssenders RT, der vor allem die Botschaft von der Verdorbenheit Amerikas in die Welt trägt.

Die Menschen standen Stunden an, um zum ersten Mal den Westen zu schmecken

Viele Kilometer lang wand sich die Schlange durch die Straßen, als am 31. Januar 1990 in der Hauptstadt der Sowjetunion der erste McDonald's eröffnete. Drei Stunden und mehr standen die Menschen an, um zum ersten Mal den Westen zu schmecken, der so lange nur als Erzählung und Phantasie existiert hatte. Mehr als 30 000 sollen es am ersten Tag gewesen sein - so viele wie nie zuvor bei der Eröffnung einer Filiale der Kette. Warteschlangen kannten die Menschen in der Mangelwirtschaft, aber diese schlug alles bisher Dagewesene und wurde in Moskau bald als "Boa Constrictor" bespöttelt.

Mit einem Trick hatte der Fast-Food-Riese als erster seinen Fuß auf sowjetischen Boden bekommen: McDonald's Kanada gründete ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Moskauer Stadtverwaltung, die 51 Prozent der Anteile hielt. Formell gesehen war Moskwa-McDonald's damit ein sowjetisches Staatsunternehmen. Ein Hamburger kostete einen Rubel und fünfzig Kopeken, die Hälfte einer Monatskarte für den Bus in der Hauptstadt und ein Hundertstel des sowjetischen Durchschnittseinkommens zu dieser Zeit.

Langes Warten auf Fastfood: Eine Schlange am Puschkin-Platz in Moskau am 31. Januar 1990, als die erste Filiale eröffnet wurde.

(Foto: Vitaly Armand/AFP)

Wie bei der Eröffnung ist auch bei der Schließung der symbolische und politische Wert unvergleichlich höher als der Nährwert. Mehr als 400 Filialen betreibt der US-Konzern heute in Russland, und er will weiter expandieren. Trotz der Spannungen zwischen Washington und Moskau sollen in diesem Jahr Dutzende Läden eröffnen, vor allem in Sibirien. Der offizielle Partner der Olympischen Spiele in Sotschi und der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 war bereits ein Opfer der Krim-Annexion im März geworden. Weil die US-Regierung Unternehmen mit Strafen droht, die sich auf der ukrainischen Halbinsel unter russischer Verwaltung engagieren, schloss McDonald's dort seine Niederlassungen.

Die Verbraucherschützer erklärten zwar, die Schließung sei nur vorläufig, kündigten aber an, weitere Zweigstellen zu überprüfen. Vize-Ministerpräsidentin Olga Golodez bestritt, dass die Regierung vorhabe, McDonald's zu vertreiben: "Einen solchen totalen Plan gibt es nicht", sagte sie Itar-Tass. Rospotrebnadsor hatte in der Vergangenheit mehrmals Lebensmittel wegen angeblicher Verunreinigungen vom russischen Markt ausgeschlossen, deren Herkunftsländer mit dem Kreml im Streit lagen. Auch den russischen Sanktionen gegen Lebensmittel aus Europa, den USA, Norwegen und Australien waren solche Verbote vorausgegangen. Nun wollen sie in den Schnellrestaurants Hygienemängel festgestellt haben. Bereits Ende Juli hatte die Behörde zwei Filialen in Welikij Nowgorod "schwerwiegende Gesetzesverstöße" vorgeworfen. Konkret ging es darum, dass der Anteil von Fett, Eiweiß und Kohlenhydraten bei einigen Proben nicht den Angaben auf der Verpackung entsprach.

Aktuelles Lexikon: Rospotrebnadsor Ungeübte brauchen ein wenig Geduld, um den Rhythmus dieser Abkürzung zu erspüren. Aber Rospotrebnadsor gibt stets aufs Neue Gelegenheit dazu. Im täglichen Nachrichtenfluss taucht die russische "Aufsichtsbehörde im Bereich des Schutzes der Verbraucherrechte und des menschlichen Wohlergehens" zunehmend auf, nun auch im Fall McDonald's. Die Geschichte der Kontrollbehörde geht auf ein Dekret von 1922 zurück; nun ließ sie vier Filialen der Kette in Moskau wegen angeblicher Hygieneprobleme schließen. Und in den Regionen prüfen die Kontrolleure auch schon. Rospotrebnadsor kümmert sich um vielerlei, um Schutz vor Ebola, um ein Rauchverbot auf Sommerterrassen von Restaurants. Tausende Internetseiten ließ die Behörde auch bereits schließen, weil auf ihnen Informationen zum Thema Selbstmord zu finden waren. Weshalb der Blogger und Geschäftsmann Jurij Bulatnikow meinte, bei Rospotrebnadsor handele es sich um "ein Ministerium für alles". Die Verbraucherbehörde nördlich des Moskauer Gartenrings war es auch, die neulich amerikanischen Bourbon beanstandete, ukrainische Milch für "schlecht und gefährlich" hielt und die Weineinfuhr aus der Republik Moldau verbot; aus jenem Land, das sich für die EU entschieden hat. Wein aus dem moldauischen autonomen Gebiet Gagausien indes hält Rospotrebnadsor für unbedenklich. Dort ist das Volk prorussisch. Frank Nienhuysen

Niemand hält sich strenger an Hygienestandards

Selbst Konkurrenten kritisierten die Schließung. "Das ist eindeutig eine geopolitische Entscheidung und ein Zeichen dafür, dass Rospotrebnadsor für politische Ziele benutzt wird", schrieb Fjodor Owtschinnikow in einem Beitrag für die Nachrichtenseite Slon.ru. Er hat selber bei McDonald's gearbeitet, bevor er die Kette Dodo Pizza gründete. "Wenn wir McDonald's wegen Verstoßes gegen die Standards schließen, dann können wir die ganze Gastrobranche im Land zumachen. Niemand halte sich strenger an die Standards.

Beispielhaft steht McDonald's für zwei Bedeutungen, die das Wort "demokratisch" nur in Russland hat: "Demokratisch" sind Orte, an die jeder hingehen kann. Die wenigen Restaurants in der Sowjetunion waren etwas für besondere Anlässe. Seine Kinder mitzubringen wäre undenkbar gewesen. Und "demokratisch" sind Preise, die sich jeder leisten kann. Seit dem Tag der Eröffnung habe er nie wieder bei McDonald's gegessen, schrieb der Unternehmer Alexander Wasiljew für die Internet-Seite von Radio Echo Moskaus.

Trotzdem: "Damals, 1990, wurde doch nicht eine Imbissbude unter dem Namen eines Restaurants eröffnet. Unser Land hat damals die Welt entdeckt - und sich selbst der Welt geöffnet." Viele Leser stimmten dem zu. Nur einer kommentierte lapidar: "Alles, worum es mir Leid tut, sind die kostenlosen Toiletten".