Marodes Atomlager in Niedersachsen Asse, die unterschätzte Gefahr

Die Situation im maroden Atomlager Asse ist dramatischer als bisher angenommen: Laut einem Gutachten, das der SZ vorliegt, lagern in dem früheren Salzbergwerk zehnmal mehr mittelradioaktive Abfälle als vermutet.

Von Michael Bauchmüller und Jens Schneider

Die Situation im maroden Atomlager Asse in Niedersachsen ist dramatischer als bisher angenommen. In dem früheren Salzbergwerk liegen zehnmal mehr mittelradioaktive Abfälle als vermutet. Experten streiten nun darüber, ob dadurch die Rückholung der nuklearen Abfälle gefährlicher oder umso dringlicher wird.

Bislang waren nur knapp 1300 Fässer Atommüll als mittelradioaktiv deklariert. Ein Gutachten im Auftrag des Bundesforschungsministeriums setzt diese Zahl nun deutlich höher an. So waren insgesamt 14.779 Fässer mit einer Betonabschirmung versehen. Da die Fässer in den sechziger und siebziger Jahren nur an der Außenhaut auf ihre Strahlung hin überprüft worden waren, gingen sie als schwachradioaktiver Abfall durch. Die speziell abgeschirmten Behälter liegen in mehreren Lagerkammern auf verschiedenen Ebenen im Bergwerk verteilt. Auch das war bisher nicht bekannt.

Die Gutachter warnen vor Gefahren bei der geplanten Rückholung der Fässer. "Hinsichtlich der ermittelten Unwägbarkeit" sei das gesamte Inventar der Asse "kritisch zu betrachten, insbesondere zum Schutz der mit der vorgesehenen Bergung der Abfälle einzusetzenden Menschen", heißt es in dem Gutachten, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Auffällig ist, dass der Bericht auf den 31. August datiert ist, aber erst jetzt, nach den Beschlüssen zur Laufzeitverlängerung bekannt gemacht wurde. Das Bundesamt für Strahlenschutz hatte den Bericht seit langem erwartet.

In der Asse in der Nähe von Wolfenbüttel lagern rund 126.000 Fässer mit schwach und mittelradioaktivem Abfall. Der Abfall war bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts unter zum Teil chaotischen Bedingungen abgekippt worden. In das Bergwerk tritt seit Jahren Wasser ein. Es gilt als einsturzgefährdet.

Bundesregierung reagiert zurückhaltend

Angesichts des maroden Zustands übernahm 2009 das Bundesamt für Strahlenschutz die Aufsicht. Im Januar war auf Empfehlung von Experten beschlossen worden, dass der Atommüll ans Tageslicht geholt und in einem ordentlichen Endlager untergebracht werden soll, weil die Langzeitsicherheit der Asse nicht garantiert ist. Die Kosten der Rückholung werden auf mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt. Zudem soll zunächst werden, ob sie überhaupt möglich ist.

Das Bundesamt reagierte zurückhaltend auf den Bericht. Die Behörde sehe sich in ihren bisherigen Ergebnissen bestätigt, erklärte ein Sprecher. "Das dokumentiert die unhaltbaren Zustände während der Einlagerung", sagte er. Gleichzeitig unterstreiche es nach jetzigem Kenntnisstand den Weg, "die Rückholung konsequent zu verfolgen".

Der Fund heizte die Kritik der Opposition an der Atompolitik der Bundesregierung an. "Bei der Atomenergie stirbt die Wahrheit zuerst", sagte SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber. Das zeigten die Vereinbarung der Bundesregierung mit den Kernkraftbetreibern ebenso wie die Neuigkeiten aus der Asse. "Wer die Atomkraft noch länger betreiben will, betrügt folgende Generationen", sagte Kelber.

Die Grünen forderten, den Atommüll bald zu bergen. "So unbequem es ist, umso dringlicher ist es, diese Aufgabe jetzt zu erledigen, um zukünftigen Schaden abzuwenden", sagte die Umweltpolitikerin Sylvia Kotting-Uhl. Der Grünen-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag Stefan Wenzel sagte, er sehe die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Klar sei auch, dass die Rückholung des Atommülls aus der Asse nun noch teurer werde.