Margot Käßmann: Nach dem Rücktritt Das Wort zum Sonntag

"Es tut mir leid": Margot Käßmann hat sich erstmals persönlich an die Gemeinden ihrer Landeskirche gewandt - in einem Brief.

Nach ihrer Akoholfahrt hatte sie mit Journalisten geredet, mit Freunden, mit Kirchenoberen. Erstmals nach ihrem Rücktritt als EKD- Vorsitzende und hannoversche Landesbischöfin hat sich Margot Käßmann am Sonntag nun persönlich an die Gemeinden ihrer Landeskirche gewandt. In den Gottesdiensten aller 1500 Mitgliedgemeinden der lutherischen Landeskirche Hannovers wurde ein Brief der 51-Jährigen verlesen.

Darin schreibt sie, es tue ihr leid, dass sie mit ihrem Rücktritt viele Menschen enttäuscht habe. Käßmann erklärte, sie sei mehr als zehn Jahre mit Leib und Seele Bischöfin gewesen. "Ich danke allen Menschen in den Gemeinden unserer Landeskirche, die mich so wunderbar getragen und gestützt und für mich gebetet haben."

Nur drei Tage nach dem Rücktritt von Margot Käßmann hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nun auch die Weichen für die Nachfolge gestellt: Einmütig sprach sich das Gremium am Samstag für Nikolaus Schneider als neuen EKD-Ratsvorsitzenden aus. Der 62-jährige Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland führt den Vorsitz bereits kommissarisch und soll im November von der Synode für weitere fünf Jahre zum Spitzenvertreter der 25 Millionen Protestanten gewählt werden.

Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl sagte nach der Ratstagung im bayerischen Tutzing: "Es gibt da eine einmütige Auffassung." Die Vorsitzende der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, sagte: "Die Vorhaben, die wir mit Margot Käßmann begonnen haben, werden wir unter der Leitung von Nikolaus Schneider erfolgreich fortführen. Er füllt seine Aufgaben als amtierender Ratsvorsitzender mit Klarheit und Tatkraft aus."

Aus Respekt vor dem Kirchenparlament hätten die 13 Ratsmitglieder aber nur persönliche Wünsche formuliert. "Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn die Zusammenarbeit mit Nikolaus Schneider über diesen Herbst hinausreichte. Er genießt hohes Vertrauen in der Synode", betonte Göring-Eckardt. Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich sagte: "Das ist auch mein Wunsch".

Der sächsische Landesbischof Bohl sagte der Nachrichtenagentur DAPD, das sei einhellige Meinung. Aber "es wäre ein törichtes Signal, der Synode zu sagen, was sie zu tun hat. Für die evangelische Kirche ist es sehr wichtig, dass die Kleiderordnung eingehalten wird", erklärte der Bischof. Eine offizielle Wahlempfehlung will der Rat erst auf der Synode im November aussprechen.

Eigene Akzente angekündigt

Käßmann war am Mittwoch nach nur vier Monaten als Ratsvorsitzende und hannoversche Landesbischöfin zurückgetreten, weil sie mit 1,54 Promille eine rote Ampel überfahren hatte. Ihr bisheriger Stellvertreter Schneider bekräftigte in Tutzing sein Interesse an der Nachfolge. Wenn ihm auf der Synode der Vorsitz angetragen würde, "bin ich offen, positiv darauf zu antworten". Der 62-Jährige machte keinen Hehl daraus, dass ihn die Herausforderung reizen würde. "Ich sage zu diesem Wunsch, dass er meinem Ego schmeichelt, dass er ehrenhaft ist, aber ich sage ganz deutlich: Das entscheidet die Synode. Und es gebietet der Respekt vor der Synode, dem nicht vorzugreifen."

Er habe in den vergangenen Tagen mit vielen Menschen gesprochen und vor allem mit seiner Frau, "weil unsere Lebensplanung eine völlig andere war", sagte Schneider. Aber: "Ich bin offen für die Situation, für das, was auf mich zukommt." Und er will sich nicht drücken, wenn er gebraucht wird. Eine endgültige Entscheidung über den Wunsch der EKD-Ratsmitglieder wolle er sich aber bis zur Synode vorbehalten. Kirchenintern gilt das Tutzinger Signal jedoch schon jetzt als die entscheidende Weichenstellung für die EKD-Synode vom 5. bis 11. November in Hannover.

"Ein Mensch mit großer Herzenswärme"

Bis dahin werde er alle Möglichkeiten nutzen, "zu gestalten und auch zu prägen", sagte Schneider und kündigte an: "Ich werde die Arbeit von Wolfgang Huber und Margot Käßmann zielstrebig fortsetzen, aber auch mit meinen eigenen Akzenten versehen." Besonders bei sozialen Themen "werde ich mich deutlich zu Wort melden", sagte er. Das liege ihm als Sohn eines Stahlarbeiters und Vorsitzender des Diakonischen Rats besonders am Herzen. Göring-Eckardt sagte, Schneider sei "ein Mensch mit großer Herzenswärme" und stehe "für eine Kirche, die nah am Menschen" sei.

"Der Schock der Ereignisse um den Rücktritt von Margot Käßmann sitzt tief", sagte Göring-Eckardt weiter. Käßmann habe mit ihrem "starken Rücktritt unserer Kirche einen großen Dienst erwiesen", sagte die Vorsitzende der EKD-Synode. Der Rat hoffe einmütig, dass sie "eine wichtige Stimme im deutschen Protestantismus bleibt". Käßmann ist nun wieder einfache Pastorin, in welcher Funktion sie künftig wirken wird, ist noch offen. Der bayerische Bischof Friedrich sagte, ihr Rücktritt sei "ein Jammer", habe aber die moralische Autorität der evangelischen Kirche gestärkt.