Ludwigshafen Was ein Zwölfjähriger in Ludwigshafen plante

Vor dem Ludwigshafener Rathaus und auf einem nahegelegenen Weihnachtsmarkt soll ein Zwölfjähriger versucht haben, selbstgebaute Sprengsätze zu zünden.

(Foto: dpa)
  • Ein zwölfjähriger Junge deutsch-irakischer Abstammung hat offenbar zweimal versucht, in Ludwigshafen einen selbstgebauten Spreng- oder Brandsatz zu zünden.
  • Wegen seines Alters ist der Junge strafunmündig. Ermittlungen gegen ihn sind deshalb nicht möglich.
  • Der Junge ist in Obhut des Jugendamtes.
Von Josef Kelnberger, Ludwigshafen, und Bernd Kastner

Wer mit dem Zug nach Ludwigshafen gereist ist, von Mannheim aus über die Rheinbrücke, und dann den Bahnhof verlässt, taucht direkt ein in den Weihnachtsmarkt. Karusselle und Fahrgeschäfte, Glühwein und Würstchen, eine Popversion von "O Tannenbaum" wabert in einer Endlosschleife über den Platz. Der Markt ist an diesem Freitagnachmittag nur mittelprächtig besucht. Schwer zu sagen, ob die Nachrichten von der angeblichen Nagelbombe, die hier explodieren sollte, Leute abhalten. Von Panik jedenfalls keine Spur. "Mir egal, kann man eh nichts machen", sagt bei einer keineswegs repräsentativen Umfrage ein älterer Herr, den Schaum seines Schaumgebäcks im Mundwinkel.

Ein zwölfjähriger Junge mit deutscher und irakischer Staatsbürgerschaft hat offenbar zweimal versucht, einen selbstgebauten Spreng- oder Brandsatz zu zünden, der mit Nägeln präpariert war. Angeblich wurde er im Internet angeleitet vom "Islamischen Staat".

Eva Lohse, die Oberbürgermeisterin, kommt gerade von einem Treffen mit der Landesregierung in Mainz. Der Junge habe "versucht, einen Bombenanschlag zu verüben", sagt die CDU-Politikerin in einer Pressekonferenz, zu der sie kurzfristig eingeladen hat. Er sei "an einem sicheren Ort" mittlerweile. "Von ihm geht keine Gefahr mehr aus." Das Land werde die Stadt im Umgang mit dem Zwölfjährigen und seiner Familie nicht alleine lassen. Im Übrigen habe der Generalbundesanwalt gerade einen "Auskunftsvorbehalt" geltend gemacht. Keine weiteren Nachfragen erlaubt. Nach fünf Minuten beendet Eva Lohse ihre Pressekonferenz.

Das Gemisch war "brennbar, aber nicht explosionsfähig"

Bei der Bundesanwaltschaft spricht man von "Nagelbombe", will sich aber zu deren Gefährlichkeit nicht äußern. Die Karlsruher haben die Ermittlungen zum Umfeld des Jungen aufgenommen, nicht jedoch zu dem Zwölfjährigen selbst; er ist strafunmündig. Beim ersten Anschlagsversuch des Jungen, der bereits am 26. November stattgefunden haben soll, soll er nach Darstellung von Polizei und Staatsanwaltschaft ein mit pyrotechnischem Pulver gefülltes Konservenglas auf den Weihnachtsmarkt mitgenommen haben, ohne es aber in Brand zu setzen. Ob es nicht zündete oder der Junge es sich anders überlegt hatte, ist nicht bekannt. Bekannt geworden war das erst neun Tage später: Am 5. Dezember alarmierte ein Passant die Polizei, nachdem er neben dem Rathaus von Ludwigshafen einen Rucksack gefunden hatte, in dem sich ein Glas befand. Laut Polizei ist es mit einem Gemisch gefüllt gewesen, das aus Feuerwerkskörpern und Wunderkerzen gewonnen wurde. Der Junge soll es selbst befüllt haben. Wie Hubert Ströber, der Leiter der zuständigen Staatsanwaltschaft in Frankenthal, berichtete, sind an dem Glas mit einem Klebeband Nägel befestigt gewesen. Laut Polizei habe ein "Abbrandtest" ergeben, "dass das Gemisch zwar brennbar, aber nicht explosionsfähig war".

Das Magazin Focus berichtet nun mit Bezug auf Sicherheitskreise, dass der Junge womöglich von einem unbekannten Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat angestiftet worden sei. Angeblich soll aus einem Loch im Glas ein Draht geragt haben. Laut Focus soll der Junge stark religiös radikalisiert sein. Er soll 2004 in Ludwigshafen geboren sein. Nach Informationen des Südwestrundfunks habe er offenbar über den Messenger-Dienst Telegram Anweisungen erhalten, wie der Sprengsatz zu bauen sei. Die Ermittler vermuten demnach, dass der IS dahinterstecke.

Der verdächtige Junge ist in der Obhut des Jugendamtes

Über den Fund des Glases hatte die Polizei bereits am 5. Dezember informiert. Es war demnach in einer schwarzen Tasche an einem Abfallcontainer am Warenhof Ost des Rathauscenters deponiert gewesen. Der Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Guido Steinberg, sagte der Mitteldeutschen Zeitung: "Ich habe Schwierigkeiten damit, einen Zwölfjährigen als Terroristen anzusehen. Das macht Sinn, wenn Leute anfangen, sich für Politik zu interessieren, mit 15 oder 16. Aber wie politisch kann jemand sein mit zwölf Jahren? Da stellt sich eher die Frage: Was ist im Umfeld los? Denn das kann ja nicht seine Idee gewesen sein." Ermittlungen gegen den Zwölfjährigen gab und gibt es nicht, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Ströber betont: Weil das Kind strafunmündig ist, sei dies ausgeschlossen. "Uns sind die Hände gebunden." Nach Angaben der Polizei ist das Kind mit Einverständnis der Eltern in die Obhut des Jugendamtes gegeben worden. Am Freitag trafen sich Vertreter mehrerer Behörden zu einem Gespräch im Mainzer Jugendministerium. Ludwigshafens OB Lohse sagte dem SWR: "Ich gehe davon aus, dass die Landesregierung eine Lösung finden wird, wie wir den Jungen sicher unterbringen werden." Seit dem 6. Dezember ist er in der Obhut des Jugendamts.