Londons Rolle im CIA-Folterprogramm Wasserschaden bringt britische Regierung in Erklärungsnot

Insel Diego Garcia im Indischen Ozean: Was wusste Großbritannien über die CIA-Gefangenentransporte?

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Die CIA könnte in den Bush-Jahren Terrorverdächtige auf die abgelegene Insel Diego Garcia entführt haben - angeblich mit Londons Zustimmung. Mögliche Beweismittel aber wurden durch einen Wasserschaden zerstört. Zufall oder Vertuschungsaktion?

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Ein Wasserschaden ist in der Regel für die Betroffenen äußerst unangenehm. Der britischen Regierung könnte er aber gerade sehr gelegen kommen.

Eine Regierungsbehörde hat durch ein nasses Malheur gerade wichtige Dokumente verloren. Genauer: Aufzeichnungen über Starts und Landungen auf der kleinen Insel Diego Garcia im Indischen Ozean.

Die Insel liegt etwa 750 Kilometer vom südlichsten Punkt der Malediven entfernt und ist ein britisches Überseegebiet. Auf ihr befindet sich jedoch auch eine amerikanische Militärbasis. Und an dieser Stelle wird es brisant: Dorthin soll der US-Auslandsgeheimdienst CIA in den Bush-Jahren Terrorverdächtige entführt haben, um sie zu verhören. Weil das angeblich mit voller Zustimmung der Briten geschah, könnte sich die damalige Regierung strafbar gemacht haben.

"Der Hund hat die Hausaufgaben gefressen"

Die CIA bestreitet die Unterbringung, London will nichts von Gefangenen auf der Insel gewusst haben. Allerdings steckten amerikanische Offizielle jüngst Al-Jazeera America Informationen aus einem noch nicht publizierten Bericht des US-Senats zur CIA-Folterpraxis. Dort ist nicht nur von der Unterbringung von Gefangenen auf der Insel die Rede, sondern auch von einer "vollen Kooperation" der britischen Regierung.

Geschwärztes Sündenregister

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Haben also CIA und die britische Regierung gelogen? Die Flugdokumente könnten zumindest darüber Aufschluss geben, welche CIA-Flüge wann landeten. Doch der Wasserschaden hat nach Aussagen des Außenministeriums die Aufzeichnungen aus dem Jahr 2002 zerstört. Betroffen ist also ausgerechnet jenes Jahr, in dem die CIA mit Entführungen und Geheimflügen begann.

"Erst erfahren wir aus dem anstehenden Folterbericht des Senats, dass Gefangene dort untergebracht wurden - und jetzt verschwinden bequemerweise wichtige Dokumente wegen eines 'Wasserschadens'", klagt Cori Crider von der Organisation Reprieve, die sich für Insassen von Geheimgefängnissen einsetzt. "Die Regierung hätte genauso gut erzählen können, dass der Hund ihre Hausaufgaben gefressen hat. Das riecht nach Vertuschung."

Jahrelange Mauertaktik

Das Misstrauen ist auch deshalb gewaltig, weil britische Regierungen die Wahrheit über Diego Garcia nur stückchenweise eingestehen. Schon 2003 berichtete das Time Magazine, dass ein ranghohes Al-Qaida-Mitglied dort verhört worden sei. 2006 wies der Journalist Stephen Grey in einem Buch nach, dass CIA-Flugzeuge dort gelandet seien, die für die Geheimtransporte verwendet wurden.

Die britische Labour-Regierung wies diese Vorwürfe unter Premierminster Tony Blair stets zurück - erst 2008, also nach dem Ende der Blair-Ära, gab das Außenministerium zumindest Landungen von CIA-Maschinen zu.

CIA darf Bericht des US-Senats schwärzen

Doch der Aussage, dass nur zwei CIA-Flugzeuge 2002 auf Diego Garcia aufgetankt hätten, widersprachen in Medienberichten auch mehrere anonyme ausländische Geheimdienstmitarbeiter. Von 2002 bis 2006 könnten bis zu zehn Gefangene dort verhört und in Einzelfällen monatelang festgehalten worden sein.

Unklar ist, welche Details der US-Senatsbericht zu den CIA-Folterprogrammen zu Diego Garcia enthält. Er soll zwar im September der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, doch die CIA darf bestimmte Passagen aus Gründen der nationalen Sicherheit schwärzen.

Das britische Außenministerium erklärt, den Aussagen der CIA zu vertrauen, dass nur zwei Zwischenlandungen mit Gefangenen stattgefunden hätten. Man wolle zunächst einmal die Veröffentlichung des Senatsberichts abwarten. Jenes Berichts also, in dem die entscheidenden Informationen womöglich fehlen. Es könnte der britischen Regierung sehr gelegen kommen.