London Das gespaltene Königreich ist in Trauer vereint

Unweit des Finsbury Parks rast ein Transporter in eine Menschengruppe, ein Mann stirbt. Der Park und die nahe gelegene Moschee stehen eigentlich für ein friedliches Miteinander in London. Premierministerin May verurteilt die Terrorattacke.

Von Björn Finke, London

Drei Terroranschläge in nicht einmal drei Monaten: London ist im Moment das Ziel der Wahl für gewalttätige Extremisten. Jetzt traf es die große muslimische Gemeinde in der multikulturellen Weltstadt. Am Montag um kurz nach Mitternacht fuhr ein Attentäter mit einem weißen, in Süd-Wales gemieteten Lieferwagen auf den Bürgersteig nahe einer Moschee und eines Gemeindezentrums im Norden Londons. Er verletzte zehn Passanten; ein Mensch starb. Das Todesopfer, ein älterer Mann, wurde aber schon vor dem Angriff auf dem Bürgersteig behandelt. Es ist unklar, ob er an den Folgen der Attacke starb.

Zu der späten Stunde waren viele Muslime auf der Straße, die sich vorher im Muslim Welfare House, einem Gemeindezentrum, zum abendlichen Fastenbrechen und Beten nach Sonnenuntergang getroffen hatten. Noch bis Samstag läuft der Fastenmonat Ramadan. Es war warm in dieser Nacht; London hatte eines der heißesten Wochenenden dieses Jahres erlebt.

Der Täter, ein 47-Jähriger, wurde von Passanten festgehalten und geschlagen. Ein Imam, der Vorbeter einer benachbarten Moschee, schützte ihn vor weiteren Schlägen. Die Polizei nahm den Täter fest. Er wird in einem Krankenhaus behandelt. Auch Psychiater sollen ihn untersuchen. Die Ermittler gehen bisher davon aus, dass er keine Helfer hatte. Der Täter soll nach Augenzeugenberichten beim Verlassen des Lieferwagens geschrien haben: "Ich will Muslime töten." Alle Opfer sind Muslime. Londons Bürgermeister Sadiq Khan, ebenfalls Muslim, sagte, die Tat sei ein Angriff auf "unsere von allen geteilten Werte Toleranz, Freiheit und Respekt". Die Londoner Polizei schickt nun mehr Beamte auf die Straße; sie sollen Ramadan-Veranstaltungen schützen.

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Der Park ist ein Sinnbild für das vielfältige London

Die Bilder, die kurz nach dem Attentat aufgenommen wurden, gleichen auf deprimierende Weise jenen der vergangenen Anschläge in London: viele Kranken- und Polizeiwagen, Blaulicht, Absperrungen. Mehr als 60 Sanitäter waren im Einsatz. Nach der Attacke beteten Gläubige zusammen in der Nähe auf der Straße.

Der Tatort ist unweit des Finsbury Park, eines Parks in Nord-London. Anfang Juli findet dort immer ein Musikfestival statt, ansonsten ist der Park mit seinem großen Spielplatz und dem Bootsverleih am See beliebt bei Familien. Direkt in der Nachbarschaft leben viele Muslime; die Finsbury-Park-Moschee bietet Platz für 1800 Gläubige. Sie wurde 1994 von Prinz Charles eröffnet. Zugleich sind der Park und die Gegend drumherum ein Sinnbild dafür, wie vielfältig diese Weltstadt ist. Dafür, welch unterschiedliche Gemeinden London ihre Heimat nennen. Denn nur eine Viertelstunde zu Fuß entfernt befindet sich das Viertel Stamford Hill, in dem viele ultraorthodoxe Juden wohnen. Auch sie nutzen den Park.

Diese Vielfalt, dieses weitgehend friedliche Mit- oder Nebeneinander wollen Extremisten zerstören: Erst vor zwei Wochen töteten drei islamistische Attentäter acht Menschen und verletzten 48 am Borough Market, einem beliebten Ausgehviertel in Londons Innenstadt. Sie fuhren mit einem gemieteten Kleintransporter über den Bürgersteig der London Bridge, stiegen dann aus und stachen mit Messern auf Passanten ein.

London muss nicht nur um Terroropfer trauern

Wiederum zwei Wochen vorher sprengte sich ein Islamist nach dem Konzert des Teenie-Popstars Ariana Grande in Manchester in die Luft: 22 Todesopfer, 119 Verletzte. Mitte März steuerte ein Attentäter seinen Mietwagen über den Bürgersteig der Westminster Bridge neben dem Parlament. Vier Passanten starben. Danach stieg er aus und erstach einen Polizisten am Eingang des Parlaments, bevor er selbst erschossen wurde.

Und London muss nicht nur um Terroropfer trauern. Beim Brand des Grenfell Towers, eines Hochhauses mit Sozialwohnungen im sonst sehr feinen Kensington, starben vergangene Woche mindestens 79 Menschen.

All das trifft ein Land, das seit den vorgezogenen Neuwahlen vor anderthalb Wochen keine stabile Regierung mehr hat. Premierministerin Theresa May hatte Wahlen ausgerufen, um vor den wichtigen Brexit-Verhandlungen die absolute Mehrheit ihrer Konservativen Partei im Parlament auszubauen. Die Austrittsgespräche begannen an diesem Montag in Brüssel.

Doch Mays Wette ging schief: sie verlor ihre absolute Mehrheit, weil die größte Oppositionspartei Labour kräftig zulegte. Nun verhandelt May mit der Kleinpartei DUP aus Nordirland darüber, ob diese ihre Minderheitsregierung unterstützt. Da diese Gespräche mühsam sind, musste die Queen's Speech, die offizielle Parlamentseröffnung durch Königin Elizabeth II., von diesem Montag auf Mittwoch verschoben werden.

May sagte: "Unser Land wachte heute mit Neuigkeiten von einer weiteren Terrorattacke auf den Straßen unserer Hauptstadt auf." All ihre Gedanken seien bei den Opfern dieses "furchtbaren Ereignisses" am Finsbury Park. Labour-Chef Jeremy Corbyn sagte, er sei "völlig schockiert". Das Attentat fand in seinem Wahlkreis statt.

Das gespaltene Königreich ist nun in Trauer vereint.

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