Bundesaußenminister Westerwelle hat Deutschland mit dem Nein zur Flugverbotszone ins Abseits manövriert. Von der Liste ernsthafter Kandidaten für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat ist es vermutlich schon gestrichen.
Womit und ob überhaupt Guido Westerwelle, der Außenminister, Geschichte schreiben würde, war seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren ungewiss. Nun ist es klar. Auf Westerwelles Geheiß hin hat Deutschland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einer Flugverbotszone über Libyen seine Zustimmung versagt.
Westerwelle: Werden uns nicht an Krieg in Libyen beteiligen
Anzeige
Erstmals seit ihrem Bestehen hat die Bundesrepublik somit jenen Anker gelichtet, der sie an den Westen bindet. Kein Außenminister vor Westerwelle hat es so weit kommen lassen. Auch nicht 2003, als Deutschland "Nein" sagte zum Irak-Krieg des George W. Bush.
Gerhard Schröder und Joschka Fischer handelten zusammen mit Russland, aber eben auch mit Frankreich. Der Sozialdemokrat und der Grüne wurden damals schwer gerügt ob ihrer Abkehr von Amerika. Angela Merkel hielt es als CDU-Chefin sogar für angebracht, sich in den USA für so eine Bundesregierung zu entschuldigen.
Nun hat Deutschland unter Verantwortung Merkels und Westerwelles gegen Amerikaner, Briten und Franzosen gestimmt, dafür aber mit Chinesen, Russen, Brasilianern und Indern - gegen die wichtigsten Verbündeten aus dem Westen also an der Seite von Diktatoren, Autokraten und zwei fernen Demokratien. Warum?
Der Außenminister hat geltend gemacht, die Folgen des Flugverbots seien nicht absehbar. Er hat klargestellt, Deutschland werde sich an keinem Krieg in Nordafrika beteiligen. Und er hat den Eindruck erweckt, ein "Ja" zur Resolution hätte Deutschland automatisch in einen Bürgerkrieg verwickelt. In dieser Pose des Friedensmahners gefiel er sich, aber auch vielen Deutschen.
Darüber hat Westerwelle das Wichtigste vergessen, die Diplomatie. Er hat aller Welt den Nahen Osten erklärt und nicht mehr zugehört. Er hat nicht ernst genommen, dass immer mehr Länder in der Staatengemeinschaft, auch in Arabien, zum Flugverbot keine Alternative mehr sahen im Kampf gegen einen Diktator im erbarmungslosen Krieg gegen sein eigenes Volk. Diese Länder wollten den Hilferuf der Libyer nicht überhören und nicht so tun, als würden Sanktionen Gaddafi aus dem Amt treiben.
Als Westerwelle noch engagiert vor der Gefahr einer abschüssigen Bahn zum Krieg warnte, war er selbst längst in eine Sackgasse gestolpert: Er hat Deutschland in der Libyen-Frage isoliert. Auch Portugal, das andere EU-Land im Sicherheitsrat, stimmte für die Resolution. Westerwelle, der führen wollte, ist abgehängt worden.
Am meisten Applaus spendet dem Außenminister nun die Linkspartei. Das hat er verdient, denn er macht es sich so leicht wie sie. Als ein Land, das sich aus der Affäre zieht, wird Deutschland aber viel Vertrauen seiner Verbündeten einbüßen. Von der Liste ernsthafter Kandidaten für einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat ist es vermutlich schon gestrichen. Das hat Westerwelle geschafft.
Viele Politiker wachsen an ihren Ämtern. Manchmal läuft es umgekehrt. Dann schrumpft das Amt mit dem Mann.
- Thema
- Krieg in Libyen RSS
- Libyen: Deutsche Enthaltung "Wir wünschen viel Erfolg" 18.03.2011
- Libyen, Westerwelle und Deutschlands Enthaltung Der Krisen-Profileur 18.03.2011
- Gaddafi-Sohn Saif gefangen Er lebt noch, weil er zu viel weiß 21.11.2011
- Gaddafi-Sohn Saif al-Islam Libyens Machthaber ignorieren Wünsche des Westens 20.11.2011
- Libyen Übergangsrat ernennt Regierungschef 01.11.2011
- Libyen Milizen rächen sich an Gaddafi-Anhängern 31.10.2011
(SZ vom 19.03.2011/afis)
Die Ärzte in München
"Meine inständige Bitte an die SZ Online Redaktion bleibt weiterhin: bitte mehr Qualität, weniger Quantität!"
Ganz meine Meinung. Und dazu gehört es einen Fehler einen Fehler zu nennen.
Die Frage, ob sich Deutschland an der Durchsetzung der Flugverbotszone beteiligen soll oder nicht, stand doch im Weltsicherheitsrat überhaupt nicht zur Diskussion!
Es ging um die Frage, ob die militärische Unterstützung eines Aufstandes gegen ein autoritäres Regime legitim ist. Sich in dieser Frage zu enthalten ist schändlich!
Ihr ganzer Absatz zu den Fähigkeiten der Bundeswehr geht daher am Punkt vorbei.
Auch die Feststellung des Autors" Deutschland hat seine Zustimmung versagt" ist völlig korrekt. Eine Enthaltung ist keine Zustimmung. Das können Sie drehen und wenden wie Sie wollen.
Mein Beitrag zielt auf ähnliche Punkte ab wie der von mvb75053, aber das bestätigt mich noch mehr darin, dass "Sein sie anspruchsvoll" schon lange nicht oder nicht mehr auf die SZ Online Redaktion zutrifft.
Habe den Kommentar bereits am Samstag verfasst, bevor ich festellen musste, dass die Kommentarfunktion am Wochenende nicht verfügbar ist.
Obwohl mir der Buchstabenzähler noch weitere Zeichen zugestand, wurde mein Beitrag am Ende leicht gestutzt. der Vollständigkeit halber hier der letzte Absatz:
Man mag von Herrn Westerwelles Arbeit halten, was man will. Aber eine saubere Berichterstattung hat jeder, der in einem öffentlichen Amt steht, verdient.
Ich bin mir trotzdem sicher, dass die meisten Leser nicht auf so plumpen Populismus hereinfallen werden. Meine inständige Bitte an die SZ Online Redaktion bleibt weiterhin: bitte mehr Qualität, weniger Quantität!
Mit freundlichen Grüßen
Mr.Orange
"Fangen wir mal damit an, daß naturgemäß in einer (demokratischen) Abstimmung abweichende Meinungen völlig normal und zu respektieren sind."
Ja und es ist mein Recht und das des Autors, diese Entscheidung als falsch zu bezeichnen (und zwar auf jeder Ebene: ethisch moralisch und diplomatisch). Und wie immer im Leben haben unsere Entscheidungen auch Konsequenzen. Ich fürchte, diese Fehlentscheidung wird uns noch teuer zu stehen kommen.
"Weiter hat sich nicht nur Deutschland bei der Abstimmung gegen einen wesentlichen Teil der Resolution gewandt."
Richtig. Aber das macht die Entscheidung keinen Deut besser. Deutschland hat sich in der Frage enthalten, ob es legitim ist, den Aufstand gegen ein autoritäres Regime mit militärischen Mitteln zu unterstützen. Das ist schändlich! Die Tatsache, dass wir uns mit dieser Haltung in Gesellschaft zu Russland und China befinden macht das nicht besser.
"Auch übersieht die Journaille gerne, daß die Regierung sich bei der Entscheidung durchaus im Einklang mit dem Teil der Bevölkerung befindet,..."
Nein. Der Teil der Bevölkerung, den sie hier ansprechen, stellt eine Minderheit dar. Laut einer Umfrage von EMNID befürworten 61% der Deutschen den Militäreinsatz.
Liebe Leser,
der vorliegende Kommentar "An der Seite von Diktatoren" ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die SZ Online Redaktion qualitativ immer weiter "ins Abseits manövriert".
Im ersten Abschnitt wird behauptet, dass Herr Westerwelle der Flugverbotszone "seine Zustimmung versagt" hätte. Das ist so nicht richtig. Deutschland (will sagen, die deutsche Regierung und sicher nicht Herr Westerwelle alleine) hat sich der Stimme enthalten, genau genommen also weder zugesagt noch widersprochen. Das ist ein großer Unterschied.
Im nächsten Abschnitt wird die Behauptung aufgestellt, dass mit der Enthaltung die traditionelle Verbindung der BRD mit dem Westen aufgekündigt wurde. Eine Behauptung, die mit keinem Ausspruch, Zitat oder auch nur einem zweiten Satz belegt wird.
Die Kennzeichnung als Kommentar entschuldigt zwar eine gewisse Färbung des Textes in eine bestimmte Richtung, entbindet aber trotzdem nicht von sämtlichen journalistischen Standards.
Damit nicht genug: anschließend wird der Bundesregierung unterstellt, sich nicht nur gegen die westlichen Verbündeten entschieden zu haben, sondern mehr noch auf die Seite von "Diktatoren, Autokraten [...]" zu stellen. Nocheinmal, die BRD hat sich im Sicherheitsrat lediglich ENTHALTEN, nicht widersprochen, um eine Blockade des Beschlusses zu vermeiden. Von sich auf die "Seite von Diktatoren" schlagen kann also überhaupt keine Rede sein.
Die Bundeswehr befindet sich momentan in einem großen Umbruch. Die Wehrpflicht wird ausgesetzt, Strukturen geändert, ein neuer Verteidigungsminister in sein Amt eingeführt.
Wahrlich die "beste" Zeit, um neben dem verlustreichen Afghanistan-Konflikt gleich in den nächsten Kriegsschauplatz mit ungewissem Ausgang einzusteigen. Ein "Ja" im Sicherheitsrat hätte dies mit Sicherheit nach sich gezogen.
Mir scheint, der Kommentar zielt eher darauf ab, Herrn Westerwelles Arbeit als Außenminister zu kolportieren. Er fügt sich ein in eine Reihe anderer Artikel ähnlicher Qualität wie
"Libyen: Deutsche Enthaltung –"Wir wünschen viel Erfolg""
und
"Libyen, Westerwelle und Deutschlands Enthaltung"
(Beide sz.de)
Man mag von Herrn Westerwelles Arbeit halten, was man will. Aber eine saubere Berichterstattung hat jeder, der in einem öffentlichen Amt steht, verdient.
Ich bin mir trotzdem sicher, dass die meisten Leser nicht auf so plumpen Populismus hereinfallen werden. Meine inständige Bitte an die SZ Online Redaktion bleibt weiterhin: bitte me
Paging