Letzte Rede in Chicago Obamas Abschiedsbotschaft: Glaubt an Veränderung

In seiner Heimatstadt Chicago beschwört der scheidende US-Präsident einmal mehr die Kraft Amerikas. Ohne Donald Trump zu erwähnen, warnt er sein Land davor, die eigenen Werte zu verraten.

Von Johannes Kuhn, New Orleans

Barack Obama war in seine Heimatstadt Chicago gekommen. An dem Ort, an dem seine politische Karriere begann und er 2008 und 2012 seine Wahlsiege gefeiert hatte, nahm der 44. US-Präsident nun Abschied vom Amt. "Ihr habt dafür gesorgt, dass ich ehrlich geblieben bin, habt mich inspiriert und mir Kraft gegeben", rief er 20 000 jubelnden Anhängern in seiner Abschiedsrede zu. "Vier weitere Jahre! Vier weitere Jahre!", entgegnete das Publikum lautstark - wohl wissend, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen kann und darf.

Bereits in den vergangenen Wochen hatte Obama sein Vermächtnis in zahlreichen Interviews verteidigt, auch im Wissen darüber, dass sein Nachfolger einen Teil davon mit einer einzigen Unterschrift auslöschen kann. Auch an diesem Abend vergaß er nicht, auf sein Werk hinzuweisen: Wachsende Einkommen, Wirtschaftskraft, Beschäftigung und Löhne, so viele krankenversicherte US-Amerikaner wie noch nie - nicht perfekt, der Wohlstand weiterhin zu unterschiedlich verteilt, aber doch "nach fast allen Messgrößen ein besserer, stärkerer Ort" als zu seinem Amtsantritt.

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Die größte rhetorische Gabe des 55-Jährigen ist es, in seinen Reden die besten Seiten der Amerikaner zum Leuchten zu bringen, ohne die negativen Seiten des Landes völlig auszusparen. "Es fühlt sich oft so an, als würde auf zwei Schritte nach vorne wieder ein Rückschritt folgen", formulierte er es an diesem Abend, ohne seinen Nachfolger und dessen Pläne zu erwähnen. "Aber der Weg Amerikas ist immer eine Vorwärtsbewegung gewesen, eine Ausweitung des Gründungsgedankens, alle und nicht nur einige wenige einzuschließen."

Abschiedsreden von Präsidenten sind eine mal mehr, mal weniger feierliche Angelegenheit. In der vielleicht bekanntesten von ihnen hatte Dwight Eisenhower 1961 vor dem Aufstieg des "militärisch-industriellen Komplexes" gewarnt. Heute gelten diese Worte als Prophezeiung, die viele Verirrungen des Landes in den nachfolgenden Jahrzehnten vorwegnahm.

Obama beschwört die Bürger-Nation

Durch die Unsicherheit vor der anstehenden Trump-Ära und die greifbare politische Spaltung des Landes erhielten Obamas Mahnungen deshalb ein ähnliches Gewicht: "Demokratie ist dann gefährdet, wenn wir sie als selbstverständlich betrachten", so der US-Präsident. Man müsse "wachsam sein, wenn es um den Schutz der Werte geht, die uns ausmachen". Die Verfassung sei ein "außergewöhnliches, wundervolles Geschenk. Aber sie ist eigentlich nur ein Pergamentstreifen. Sie hat aus sich selbst heraus keine Macht."

Man müsse den Einfluss des Geldes zurückdrängen, wenn das Vertrauen in die Institutionen gering sei. Vor allem aber hätten es sich zu viele US-Bürger in ihrer eigenen Blase bequem gemacht, "wo ihre Mutmaßungen niemals hinterfragt werden", ob in ihrer Nachbarschaft, an der Uni oder in ihrer Glaubensgemeinschaft. "Wenn du es satt hast, mit Fremden im Internet zu streiten, versuche doch mal, mit jemandem im echten Leben zu sprechen." Wer von Politikerin enttäuscht sei, könne immer noch selber versuchen, sich zur Wahl zu stellen und sich zu engagieren. Immerhin hätten alle US-Amerikaner einen Titel gemeinsam, der sie ununterscheidbar mache: Bürger.

Stärker als in vielen seiner anderen Reden ging Obama dabei auch auf den Rassismus im Land ein, seiner Rolle als erster schwarzer US-Präsident entsprechend. "Rasse bleibt eine mächtige und oft trennende Kraft in unserer Gesellschaft." Das Verhältnis zwischen schwarz, weiß und braun sei besser geworden, doch der Staat müsse weiterhin mehr tun. "Aber Gesetze alleine genügen nicht: Die Herzen müssen sich verändern." Die Zukunft des Landes muss kein Nullsummenspiel sein, so die Botschaft, in dem Neuankömmlinge als Eindringlinge gesehen und die verschiedenen Ethnien und Schichten gegeneinander ausgespielt werden.

"Yes we can. Yes we did."

Ob dies die Gesellschaft ist, in die sich die USA gerade verwandeln? In Obamas Hand liegt dies in wenigen Tagen nicht mehr, die Geschichte wird ihn bewerten. 58 Prozent der US-Bürger bescheinigen ihm eine gute Amtsführung, so viele wie seit sieben Jahren nicht mehr. Und so blieb es an ihm, sich am Ende schlicht zu bedanken: Mit einer kleinen Träne im Auge bei seiner gerührten Ehefrau Michelle ("Du hast mich stolz gemacht. Du hast unser Land stolz gemacht.") und seinen Töchtern. Bei seinen Mitarbeitern und Wahlkampfhelfern. Bei seinem Vizepräsidenten Joe Biden ("Ich habe einen Bruder gewonnen").

"Ich werde diese Bühne heute Abend noch optimistischer für dieses Land verlassen, als damals als wir angefangen habe", beendete der Präsident seine knapp einstündige Rede in einer wehmütigen Botschaft der Hoffnung. Veränderung sei ein Wesenszug der USA und die jetzt heranwachsende Generation eine idealistische. "Ich glaube, die Zukunft ist in guten Händen." Vorher habe er aber eine Bitte an alle Amerikaner: "Ich bitte euch, zu glauben. Nicht an meine Fähigkeit, Veränderungen zu erreichen. Sondern an eure."

Und so endete der 44. US-Präsident unter gewaltigem Jubel mit einer Variation jener Worte, mit denen er 2008 die US-Amerikaner für sich eingenommen hatte: "Yes we can. Yes we did. Yes we can." Am Freitag kommender Woche wird Donald Trump den Amtseid ablegen.

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