Lars Vilks zu den Anschlägen von Kopenhagen "Wir verhandeln nicht mit Mördern"

Der schwedische Künstler Lars Vilks vor seinem Haus bei Höganäs in Schweden (Archivbild vom Mai 2010). Derzeit lebt Vilks an einem geheimen Ort.

(Foto: dpa)

Als die Schüsse fielen, versteckten ihn seine Leibwächter in einem Lagerraum voll Bier. Im Interview erzählt der schwedische Künstler Lars Vilks, wie er die Attacke erlebt hat - und warum er sich nicht einschüchtern lässt, obwohl er sich verstecken muss.

Von Silke Bigalke, Kopenhagen

Der schwedische Künstler Lars Vilks, 68, ist in Skandinavien schon lange für seine provokanten Werke berühmt. International wurde er bekannt, nachdem er im Jahr 2007 eine Skizze angefertigt hatte, die den Propheten Mohammed als Hund darstellt. Seitdem war Vilks mehrfach Ziel von Morddrohungen und Anschlägen. Am Samstagnachmittag schoss der Attentäter Omar el-Hussein auf ein Café, in dem Vilks gerade an einer Podiumsdiskussion teinahm. In der Nacht verübte der Mann noch einen Anschlag auf eine Synagoge. Er tötete insgesamt zwei Menschen und verletzte fünf Polizeibeamte. Im Interview beschreibt Lars Vilks, wie er die Schießerei erlebte und was das Attentat für seine Kunst bedeutet.

SZ.de: Wie geht es Ihnen, wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Lars Vilks: Ich war sehr beschäftigt. Es war natürlich eine sehr befremdliche und sehr tragische Geschichte, die mich auch erschüttert hat, weil alles so überraschend passiert ist. Ich habe schon einiges mitgemacht, aber das war viel schwerwiegender. Ich habe noch nie eine Schießerei um mich herum erlebt. Jetzt müssen die Polizei und Sicherheitskräfte einen Weg finden, mit der Situation umzugehen. Im Moment bin ich an einem geheimen Ort in Schweden, wo sie mich nach dem Anschlag hingebracht haben.

Sie haben gesagt, Sie hätten während der Attacke keine Angst empfunden. Wie kann das sein?

Als die Schüsse fielen, haben meine Bodyguards die Situation sehr schnell verstanden und mich einfach zusammen mit einem bewaffneten Polizisten in diesen sicheren Raum gesteckt, den sie vorher gefunden hatten. Ich hätte nicht sicherer sein können. Außerdem war die Schießerei ziemlich schnell vorbei und die Polizei traf schwer bewaffnet ein. Die Situation an sich ist für mich nicht neu, weil ich schon vorher in einige Vorfälle verwickelt war. Es ist also fast Routine für mich, in einen Sicherheitsraum gesteckt zu werden. Außerdem war der Angreifer ja außerhalb des Seminarraums, der ein Fenster hat. Wir konnten nichts sehen, nur hören.

Sie saßen gemeinsam mit der Organisatorin der Veranstaltung, Helle Merete Brix, in einem Kühlraum, stimmt das?

Es war ein Lagerraum, voll mit dänischem Bier. Das war fast ein wenig lustig, ich konnte die Absurdität der Situation erkennen. Ich bin mit der Organisatorin zusammen unter einen Tisch gesteckt worden und dann lagen wir da und ich musste denken: Hier sind wir also. (er lacht bitter) Hier liegen wir unter dem Tisch. Wie sonderbar.

Als Sie wieder heraus durften, haben Sie da gleich verstanden, was passiert war?

Ich war informiert, die Polizisten haben ja miteinander gesprochen und ich hatte ein gutes Bild davon, was vor sich ging. Es war ein richtiger Kampf. Was die Situation eigentlich gerettet hat war, dass die Polizei und die Bodyguards zurückgeschossen haben. Ansonsten wäre es dem Täter möglich gewesen, durch den Eingang zu kommen und den Seminarraum zu erreichen.

Welche Gefühle hat die Attacke bei Ihnen ausgelöst? Empfinden Sie nun doch Angst, oder Wut, oder Trauer?

Ich bin mir der Situation sehr bewusst und auch der Tatsache, dass es diese Menschen gibt, diese Fanatiker und Extremisten, die bereit sind zu töten und selbst getötet zu werden. Es gibt keinen Grund wütend zu sein. Wir müssen nur den Tatsachen ins Auge sehen und darüber nachdenken, was zu tun ist. Für mich gilt: Ich habe meine Sicherheitsleute, die gut ausgebildet sind und denen ich vertraue. Ich mache mir keine Sorgen.

Es wird sich also für Sie nichts ändern?

Doch, wird es, weil sich die Sicherheitslage geändert hat. Die Fragen werden sein: Was kann ich machen, wohin kann ich gehen, wen kann ich treffen? Kann ich Vorträge halten? Ich muss abwarten, bis wir Antworten darauf haben. Ich kann nicht nach Hause zurückkehren, das steht für eine lange Zeit außer Frage. Aber es geht mir nicht schlecht, ich habe hier meine Arbeitsmaterialien zum Malen und meinen Computer, alles was ich normalerweise brauche.

Und wenn Sie an Dänemark denken und auch an Schweden, werden die Attacken die Gesellschaft dort ändern?

Ich denke, dass vernünftige Leute verstehen werden, dass es ein Desaster wäre, jetzt einen Schritt zurückzutreten und vorsichtiger zu werden. Das wäre eine gute Nachricht für alle Extremisten, dass sie der Gesellschaft Angst eingejagt haben. Wir sollten deswegen in diese Richtung nichts ändern und weitermachen wie immer. Aber natürlich fragen jetzt eine Menge Leute: War das wirklich nötig? Es gibt auch viele Menschen, die mich jetzt beschuldigen. Es sei meine Schuld. Warum habe ich provoziert? Jetzt sind Menschen getötet worden. Meine Schuld. Das ist etwas, das ich jetzt oft höre.

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Geht Ihnen das nahe?

Ich kann die Dummheit darin erkennen. Es ist genauso, wie wenn Juden attackiert werden und Menschen sterben und man dann die Juden dafür beschuldigt, Juden zu sein. Das ist einfach dumm.

Einige stellen nun auch die Frage, ob dieses Durchsetzen von Meinungsfreiheit es wert ist, Menschenleben zu riskieren. Ist das eine Frage, die Sie sich auch stellen?

Es ist es wert, Leben zu riskieren. Man stelle sich nur eine Situation vor, in der ein Extremist jemanden umbringt und dann sagt: Ich habe einen Menschen getötet, jetzt werdet ihr eure Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Rede ändern. Und die Gesellschaft sagt: Nein. Und der Extremist sagt: Dann töte ich wieder. Wie viele muss ich töten, damit ihr etwas ändert? - Die einzige Antwort darauf ist, dass Töten uns nicht dazu bringen wird, uns zu ändern. Wir verhandeln nicht mit Mördern. Das ist falsches Denken.

Sie haben mal geschrieben, dass das öffentliche Aufsehen, das ein Künstler erregt, Teil seiner Kunst ist. Gilt das auch noch nach dem vergangenen Wochenende?

Was ich meinte, war: Es gibt eine Provokation und dann eine Reaktion und alles ist Teil des Kunstwerks. Bisher waren die Reaktionen eher eine Art Komödie, vieles, das bisher passiert ist, haben Amateure getan. Zum Beispiel haben zwei junge Leute versucht, mein Haus anzubrennen, und haben sich dabei selbst leicht verbrannt und dann auch noch ihre Führerscheine liegen lassen, so dass man sie finden konnte. Eine bizarre Tragödie. Aber jetzt ist es viel ernster. Jetzt sind Menschen getötet worden, es kann also nicht mehr rumgescherzt werden.

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Würden Sie sagen: Der Anschlag - als Reaktion auf Ihre Kunst - ist ebenfalls ein Teil davon?

Ich würde sagen, dass die Kunst jetzt eine andere Art von Darstellung haben muss. Sie kann nicht mehr als eine Art absurde Komödie dargestellt werden. Wenn Menschen getötet werden, muss die Darstellung in einer andern Form erfolgen, in einer dokumentarischen Form.