Kurdische Proteste Die Angst vor einem großen Krieg

Letzteres würden viele Kurden wohl sogar tun, wenn die Grenzschützer sie ließen. "Unsere Kräfte warten in Afrin und Cizre", sagt Salih Muslim, einer der beiden Chefs der syrischen Kurdenpartei PYD, die wiederum mit der PKK verbunden ist. Afrin und Cizre sind die zwei anderen syrischen Kurden-Kantone, die zusammen mit Kobanê 2013 ihre Autonomie erklärten. Zwischen den Kurden-Enklaven steckt nun der Keil des IS. Deshalb wollen die kurdischen Kämpfer ihren Nachschub für Kobanê über die Türkei organisieren. Muslim sagte der türkischen Zeitung Hürriyet, Regierungsvertreter in Ankara hätten ihm zugesagt, sie würden den Kurden dies gestatten. "Aber dann haben sie mir wieder gesagt, es gibt Probleme."

Die PYD fordert auch panzerbrechende Waffen, aber kein Einschreiten der türkischen Armee. Die ist inzwischen in großer Stärke an der Grenze präsent, aber ohne Einsatzbefehl. Das türkische Parlament hat der Regierung vergangene Woche die Erlaubnis erteilt, das Militär nach Syrien und in den Irak zu entsenden. Die BDP hat gegen diesen Beschluss gestimmt. Dies tat auch die linke Opposition, die fürchtet, die Türkei könnte in Syrien "eine Art Vietnam" erleben. "Sollen unsere Soldaten wirklich gegen die syrische Armee kämpfen?", fragte die liberale Zeitung Milliyet und warnte, die Regierung sollte "die Türkei nicht in den syrischen Sumpf werfen".

Präsident Erdoğan hat eine Bodenoffensive in Syrien nicht ausgeschlossen. Er verlangte aber, eine solche Intervention dürfe sich nicht nur gegen den IS richten, sondern müsse auch den syrischen Diktator Baschar al-Assad aus Damaskus vertreiben. Zudem wolle die Türkei den Einsatz nicht allein übernehmen. Damit hat Erdoğan die Offensive eigentlich unmöglich gemacht. Denn bisher zeigt kein Verbündeter in der Anti-IS-Allianz die Bereitschaft zum Einsatz am Boden. Mit Beifall könnte Erdoğan bei einem Angriff auf Assad in der Türkei auch kaum rechnen. Es überwiegen die Ängste vor einem großen Krieg.

In der türkischen Kurdenmetropole Diyarbakır wurde am Mittwoch die Ausgangssperre bis Donnerstagmorgen verlängert. Die Schulen blieben geschlossen, zwei Flüge von Turkish Airlines in die Stadt wurden gestrichen. Panzer zogen auf. An den Straßenschlachten in Diyarbakır und in vielen anderen Städten im Südosten haben sich offenbar nicht nur linke Kurdenpolitiker beteiligt. Fünf Tote aus Diyarbakır sollen einer kleinen kurdischen Islamisten-Partei angehören, der Hürda-Par. In Mardin sollen zwei kurdische Demonstranten von Mitgliedern dieser kurdischen Hisbollah erschossen worden sein. Sie soll IS-Kontakte haben.

Am Mittwoch gibt es dann aber doch noch eine gute Nachricht: Die Kurden können in Kobanê die IS-Terroristen nach gezielten US-Luftschlägen zurückdrängen. Im BDP-Haus in Istanbul atmen ein paar Zuschauer vor dem Fernseher auf.