Kundgebung gegen Antisemitismus Aufstehen gegen einen Albtraum

Kundgebung gegen Judenhass: der Präsident des World Jewish Congress, Ronald S. Lauder, Joachim Gauck, Dieter Graumann und Bundeskanzlerin Angela Merkel (von links) in Berlin.

(Foto: dpa)

4000 Menschen, darunter die Kanzlerin und der Bundespräsident, protestieren in Berlin gegen wachsenden Judenhass in Deutschland. Doch über der Veranstaltung steht eine Frage: Warum kam die Initiative dazu vom Zentralrat der Juden - und nicht aus der Gesellschaft?

Von Thorsten Schmitz, Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die jüngsten antisemitischen und antiisraelischen Vorfälle in Deutschland scharf verurteilt. "Dass Juden in Deutschland angepöbelt und krankenhausreif geschlagen werden, ist ein ungeheurer Skandal. Das nehme ich nicht hin." In ihrer Rede auf einer Kundgebung in Berlin gegen Judenhass sagte sie: "Jüdisches Leben gehört zu uns. Es ist Teil unserer Identität und Kultur."

Merkel sprach als Letzte auf der vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisierten Kundgebung am Brandenburger Tor. Zu der Veranstaltung waren Spitzenpolitiker, Vertreter von Kirchen, Parteien und Kultureinrichtungen erschienen.

Die Gäste saßen auf Stühlen auf der Westseite des Brandenburger Tors, die anderen Kundgebungsteilnehmer standen durch einen Zaun von der Rednerbühne getrennt und konnten die Reden zum Teil nicht hören, da die Akustik sehr schlecht war.

Zu der Kundgebung waren weit weniger Menschen erschienen als erhofft. Ursprünglich war mit mehreren Zehntausend Menschen gerechnet worden, tatsächlich kamen jedoch weniger als 10 000, die Polizei sprach zunächst von 4000, der Zentralrat der Juden später von 8000 Menschen. Vor 14 Jahren hatten bei einer Kundgebung in Berlin nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge 200 000 Menschen gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus demonstriert.

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Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte: "Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ich gegen Judenhass demonstrieren muss." Für die Zunahme an antiisraelischen Vorfällen machte er vor allem auch Muslime in Deutschland verantwortlich. Er rief muslimische Verbände auf, "den Judenhass zu bekämpfen". Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, Deutschland stehe "unverrückbar zum Existenzrecht Israels". Den enormen Zuzug junger Israelis nach Berlin begrüßte er euphorisch: "Das ist ein wunderbares Zeichen und ein Vertrauensbeweis in Toleranz und Offenheit unseres Landes."

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, rief dazu auf, dem Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten. Die Welle antisemitischer und anti-israelischer Vorfälle "war für viele Juden ein Schock. Niemals werden wir Judenhass akzeptieren". Weitere Redner waren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Auffallend war, dass kein Vertreter der in Deutschland lebenden Muslime bei der Kundgebung eine Rede hielt.

Zu der Demonstration unter dem Motto "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland aufgerufen. Anlass war die starke Zunahme an antisemitischen und antiisraelischen Vorfällen in diesem Sommer in ganz Deutschland. In Berlin hatten während des Gaza-Kriegs arabischstämmige Demonstranten "Hamas, Hamas, Juden ab ins Gas" skandiert und "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein". Die Berliner Staatsanwaltschaft diskutiert derzeit noch, ob mit diesen menschenverachtenden Sätzen der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ist.

In Wuppertal wurde ein Brandsatz in eine Synagoge geschleudert, im Berliner Tiergarten wurde ein jüdischer Rentner von bislang Unbekannten zusammengeschlagen. Die Liste der Vorfälle ist lang. Ein Israeli, der in Berlin lebt, wurde von muslimischen Jugendlichen verprügelt, ein Imam rief in einer Moschee in Berlin-Neukölln dazu auf, Juden zu töten.

Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach in deutschen Medien davon, dass sich Juden hierzulande "noch nie so alleingelassen gefühlt haben". Im britischen Guardian hatte Graumann einen noch drastischeren Vergleich gewählt: "Das ist die schlimmste Zeit seit der Nazi-Ära. Auf den Straßen hört man Dinge wie 'die Juden sollten vergast werden', so etwas gab es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht."

Die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter erklärten, sie seien dem Zentralrat der Juden "dankbar, dass er die heutige Kundgebung auf den Weg gebracht hat". Sie kritisierten aber, dass der Zentralrat zu der Demonstration hat aufrufen müssen: "Ein stärkeres Signal wäre es noch gewesen, wenn der Aufruf zu einer Kundgebung aus anderen Teilen der Gesellschaft erfolgt wäre."

Ähnlich äußerte sich Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Dem Berliner Tagesspiegel sagte sie, sie finde es "schade, dass der Zentralrat zu dieser Kundgebung aufrufen musste. Weshalb kommt die Initiative dazu nicht aus der Mitte der Gesellschaft?"